“Man spricht deutsch”, die Nilwasserfaelle und die “Fuck-Off-Energie”

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Hier in Bahir Dar haben wir die letzten Tage prima entspannt, nichts grosses gemacht und unsere Energiespeicher mit Essen und Schlafen aufgetankt. Das war auch nur moeglich, weil wir hier ein sehr ruhiges Hotel mit grossem Garten gefunden haben, wo man die Bungalowtuere tagsueber einfach offen laesst und  einem niemand auf die Nerven geht. Die Wochen davor hatten wir ja immer nur enge und schleissige Quartiere, wo man sich nie so wohlfuehlen konnte, dass es zur richtigen Entspannung gekommen waere. Und sobald man das Zimmer oder Hotel verlaesst, hat man hier als Weisser ja keine Chance, jemals alleine zu sein, weil immer jemand hinter einem her ist. Das ist das, was dieses Land auf Dauer unertraeglich fuer mich macht. Kein Ort fuer Ruhe und in sich Gehen…

Hier war es besser und wir haben es genossen. Damit leite ich auch ueber zum ersten Teil der Geschichte, Titel: “Man spricht Deutsch”. Nachdem ich meinen Pennmarathon gestern am Nachmittag beendet und der Nane seinen angefangen hat, hab ich mich ganz gemuetlich zum ersten Mal mit einem Buch wo ruhig hingesetzt. Und zwar auf die Terrasse des Hotelrestaurants, wo es sehr angenehm ist. So hab ich voller Vorfreude die ersten Kapitel im Reisefuehrer fuer Aegypten gelesen. Ganz so aalglatt verlief die Sache aber nicht, nur waren diesmal nicht die Einheimischen der Stoerfaktor, sondern ein paar spezielle Exemplare unserer deutschen Nachbarn, die einen gewichtigen Anteil der Aethiopien-Reisenden darstellen. Darf man ja auch nichts sagen, unsere lieben Mitspazierer im Nationalpark waren ja auch aus Deutschland, und eine der nettesten Begegnungen auf der Reise… 

Nur: Im Unterschied zu den Aethiopiern versteht man die Deutschen, wenn sie so auf der Terrasse vor sich hinplappern. Und weghoeren geht ob der Lautstaerke nicht immer. So auch in diesem Fall, wo direkt hinter meinem Ruecken 2 Deutsche Herren mittleren Alters gesessen sind. Aufgefallen sind sie mir zuerst, als sie den Kellner fertiggemacht haben, weil er zuwenig Wechselgeld gebracht hat. Den haben sie dann behandelt wie den Oberbimbo und dabei gesagt, dass sie doch Professoren seien und sich nicht so einfach bescheissen lassen. Die Affaere hat sich 10 Minuten lang hingezogen und schon ein wenig genervt. Doch rechtzeitig, als ich wieder in meiner Lektuere vertieft war, kam es noch dicker – ja sogar zu dick! Die Kerle waren ja hinter mir und haetten – wie sich herausstellte – gerne einen besseren Blick auf die huebschen Frauen gehabt, die vor mir sassen und durch mich und mein Buch wohl verdeckt wurden…

Also haben sie angefangen, sich ueber mich und mein beschissenes Buch aufzuregen. Was ich denn fuer ein Typ sein muss, der da herumsitzt, liest und kein Auge fuer die Schoenheit des Landes hat, usw…das das keine Art des Reisens sei…das ging so ein paar Minuten dahin, und ich dachte mir, “Jaja, redets nur…mir wurscht”. Doch einer der zwei Typen war direkt besessen und hat immer mehr Giftpfeile in meinen Ruecken geschossen, was dann in den Worten “Eigentlich sollte man den Scheisskerl abknallen” den Gipfel fand.

Ich schaffe es ja auch nicht in jeder Lebenslage, mit der Macht der Sprache 100% bewusst umzugehen, doch das ging entschieden sehr weit jenseits meiner Schmerzgrenze und meines Spassverstaendnisses. Also hab ich mich umgedreht und den Typen zugerufen, dass ich Deutsch verstehe und sie besser aufhoeren mit dem Scheiss. Der eine hat nur gesagt, ich soll mich nicht bloed aufregen…mehr hab ich nicht gebraucht. Ich bin aufgesprungen, zu den Typen ruebergegangen und hab ihnen lautstark klargemacht, dass sie zu weit gegangen sind und, wenn sie nicht damit aufhoeren, im See landen werden und bereuen koennten, jemals ihr Maul aufgemacht zu haben. Mein Zorn hat gebrannt wie der vom “Incredible Hulk” und war wohl entsprechend spuerbar fuer die Typen, die ploetzlich ziemlich kleinlaut waren. Ja, es taete ihnen so leid und sie hatten viel zu viel getrunken, und da sagt man halt schon mal so Sachen, etc…Hab ihnen noch-so gut ich in meiner Rage konnte- klargemacht, dass man sich nicht das Maul ueber andere Leute zerreissen soll, auch wenn die einen sicher nicht verstehen. Und anderen Schaden an den Hals wuenschen ist sowieso das Letzte. Hab ihre vielen Entschuldigung dann angenommen und wollte nicht mehr weiter meine Zeit verschwenden. Den Saft ausgetrunken und ab die Post. Es hat ein Weilchen gedauert, bis ich wieder friedlich war, und ich musste auch noch laenger ueber den Vorfall nachdenken. Vor allem habe ich auch meinen eigenen Umgang mit der Sprache hinterfragt. Es war eindruecklich gewesen, wie sich in dem Gespraech die destruktive Energie eingeschlichen, immer mehr aufgebaut und eindeutig eine Eigendynamik bekommen hat. Man kennt das ja und ist sicher selber auch kein Engel, und den Deutschen sei wahrhaftig verziehen und sogar gedankt fuer ihre Vorfuehrung, auch wenn es schon hart war. Ich glaub, es war ihnen auch peinlich.

Bis zum Einschlafen war ich noch mit dr Sache beschaeftigt und durch den Vorfall gingen meine Gedanken immer wieder zu meiner verstorbenen Grossmutter und ihrem gewaltsamen Tod…

Der heutige Tag war fuer unsere letzte touristische Aktivitaet in Aethiopien reserviert, den Besuch der beruehmten Wasserfaelle des Blauen Nils. Diese besichtigt man am Wochenende, wo das Kraftwerk die Schleusen aufmacht, damit das Wasser in ausreichender Menge fallen und die Touristen entzuecken kann. Wir sind mit dem oeffentlichen Bus hin. Eh nur eine Stunde, aber dermassen nervig, wir hatten ja schon verdraengt, wie das Busfahren hier ist. Draengerei, Schreierei, grausam…

Die Faelle waren sehr schoen…leider hatten wir auf der mehrstuendigen Wanderung, wo man das fallende Wasser aus allen Perspektiven anschauen kann, keine Sekunde der Ruhe, da staendig laestige und bettelnde Kinder um uns herumgetanzt sind. Hat man die einen verjagt, waren die anderen schon da. “Hello Mister”, “Where are you go?”, “What is your name?”,…ich hab mir an einem schoenen Platz die Kopfhoerer mit der “schoenen blauen Donau” ins Ohr gestopft und schaftte es doch glatt fuer die paar Minuten, das staendige Zupfen der Kinder an meinem Arm zu ignorieren. Wir sagten dem Nil “auf wiedersehen in Aegypten” und gingen wieder zum Bus, begleitet von hartnaeckigen Laestlingen. Der Ausflug war schon toll, die Nilfaelle sehenswert. Dennoch hat uns der Tag noch einmal eindruecklich vor Augen gefuehrt, dass wir jetzt von Aethiopien und dem staendigen Theater, das man hier hat, genug haben und dass wir -zwar in Dankbarkeit aber ohne Wehmut- Abschied nehmen werden koennen. Ich kenne das schon von vielen Reisen, dass sich oft in den letzten Tagen vor der Ab- oder Heimreise das Land noch einmal so darstellt, dass man gerne abreist. Ich nenne das dann immer die “Fuck off-Energie”, wahrscheinlich ein Spiegel davon, dass man  mit einem Bein eh schon ganz woanders ist. Zu dick braucht es aber auch nicht kommen. Immerhin haben wir morgen unsere letzte Busfahrt (600 km mit dem Minibus nach Addis, Start 4 Uhr Frueh) am Programm und dann noch 3 Tage in der Hauptstadt, die wir in Frieden und entspannt verbringen wollen.      

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4 Gedanken zu „“Man spricht deutsch”, die Nilwasserfaelle und die “Fuck-Off-Energie”

  1. sit

    hi kleiner bruder! allein, wenn ich eure berichte mit euren unternehmungen lese, krieg ich schon haxnweh vom imaginären mithatschen… ich freu mich schon, darüber zu lesen, wie sich euch ägypten zeigen wird- ein land, das mir mittlerweile auf eine eigene art und weise sehr vertraut ist und sich mir immer wieder mit einer sehr mütterlichen energie zeigt. für mich ist es immer wieder schön, sich dort an mutter erdes busen anzulehnen und kraft zu tanken. wenn irgendwie möglich, bring doch bitte eine weisse rose ans rote meer und nimm mich bei diesem begrüssungsritual in gedanken mit. und grüsse mir liebevoll die rote erde, das blaue wasser, den weissen wind und das vielfärbige feuer dieses landes. sei fest umarmt von deiner grossen schwester.

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  2. Ronni

    Hallo Jörg. Die Geschichte klingt nicht mehr sehr entspannt. Mach dir doch nicht soviele Gedanken über Typen, die dich ärgern. Ob nun Marmeladinger, Katzlmacher oder gscherde Wiener. Es wird immer wieder Sachen geben, die einem nicht gefallen und die man sich aber auch nicht gefallen lassen muss und sollte. Die eigene Mitte und Balance zu finden ist gut, schön und wichtig, aber wer kennt die Mitte ohne Rechts und Links.
    Genieße noch die kommenden Naturschönheiten wie die “Blauen Wasserfälle”! lg Ronni

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  3. Stefan

    Hola Hermano,

    ja, jetzt geht´s nach Ägypten. Da wird dann auch Benni vor dem Computer sitzen und lesen und hoffentlich auch Bilder anschauen. Es ist faszinierend, was der von der einwöchigen Reise mit Manuela zu Ostern alles noch weiß.
    Ich wünsche Euch einen angenehmen Abschied aus Äthiopien und ein gutes Ankommen in Ägypten.
    Gute Weiterreise!
    S.

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