„We have a dream…“ – vom Ursprung bis zur Verwirklichung einer Vision

Email

Die kompromisslose Gastfreundschaft der Maori ist sprichwörtlich und sie zu empfangen wird zu einer ganz speziellen und schon fast bewusstseinserweiternden Erfahrung für uns Europäer. So war es das auch für mich bisher und ganz speziell natürlich zuletzt mit Wyns engerer und weiterer Familie.

Immerhin kommen wir (´tschuldige, wenn ich das jetzt etwas überzeichnen sollte) aus einer Welt, wo man sich zuerst lieber mit einem „gesunden Misstrauen“ begegnet, wo man sein Gegenüber gekonnt auf den ersten Blick schubladisiert bzw. abstempelt und nur dann die Türen und das Herz vorsichtig öffnet, wenn alle Bedingungen aus einer langen Liste möglichst vollständig erfüllt sind. Zumindest hat man in unserer konstant am Burnout schrammenden Gesellschaft lieber seine Ruhe und der Mitmensch wird von vielen gar schon als Störfaktor betrachtet – im Extremfall sogar die eigene Familie.

Bei den Maoris ist das definitiv ganz anders. „Whanau“, die Familie, ist ein zentraler Wert und ein sehr weit gefasster Begriff, der sich im Maori-Weltbild in letzter Konsequenz nicht nur auf alle Menschen, sondern sogar auf die gesamte Schöpfung bezieht. Dazu kommt die Liebe („Aroha“) als weiterer Grundwert und wichtige Zutat ins Spiel. Letztere wird auch ein bisschen weiter verstanden als in unseren Breiten und beschränkt sich nicht exklusiv auf ein „Schatzi“ und vielleicht noch die engste Familie, wenn´s hoch hergeht.

Aus diesen Zutaten ergibt sich dann auch die Gastfreundschaft. Einem Gast fern seiner Heimat alles zu geben, was er für sein Wohlbefinden braucht, ist bei den Maoris eine Ehrensache. Und in einer ganzheitlichen Kultur beinhaltet dieses „alles“ nicht nur physische Dinge wie Speis und Trank plus ein Dach über dem Kopf. Der Mensch wird vielmehr auch mit seinen seelischen Bedürfnissen wahrgenommen und die Gastgeber fühlen sich auch dafür genauso zuständig. Man bekommt Gesellschaft, Ansprache, Mitgefühl, echten Familienanschluss und das Gefühl des bedingungslosen Angenommenseins. Das Verbindende, das uns alle als Menschen gemeinsam ist und vereint, wird dabei allgemein über all jene äußerlichen und oberflächlichen Dinge gestellt, die uns nur zu leicht in die Beurteilung und Trennung bringen können. Das alleine ist schon eine äußerst heilvolle Erfahrung.

Was von uns erst einmal in Erfahrung gebracht und dann verstanden werden muss, folgt für die Maoris einer recht einfachen Formel: „Ko ou ko koe, ko koe ko ou.“ – „Ich bin du und du bist ich.“

Das klingt jetzt natürlich alles sehr idealisiert – und das ist es im Grunde wohl auch. Denn wer genau hinschaut, sieht: Auch bei den Maoris gibt es schwerwiegende soziale Probleme und damit verbunden Werteverlust und Entwurzelung wie überall sonst auf unserer Welt – speziell in der Stadt. Doch wenn man sich in einem gesunden Umfeld aufhält (und das war bei mir zum Glück stets der Fall), dann kann man die bedingungslose Gastfreundschaft und die Werte, auf die die Maori zurecht stolz sind, noch vielerorts von ihrer allerschönsten Seite erleben.

Bei all dem sind die Maori nicht unbedingt blauäugige Menschen, die nur „Friede-Freude-Eierkuchen“ praktizieren – ganz im Gegenteil. Gerade in der Tradition eines Volkes, deren Geschichte unter anderem von kriegerischen Stammeskonflikten und nicht zuletzt auch vom Trauma der gewaltsamen britischen Invasion geprägt ist, wird das Gelingen einer friedlichen Begegnung mit Auswärtigen keinesfalls dem Zufall überlassen.

Speziell das Marae, der heilige Raum des Stammes und der Ahnen, wird gut beschützt und für die Aufnahme von Besuchern gibt es ein genaues Protokoll. „Powhiri“ – so wird die traditionelle Willkommenszeremonie genannt. Im Zeremoniell des Powhiri werden die Besucher von ausgesuchten Vertretern des Stammes nicht nur willkommen geheißen, sondern auch hinsichtlich etwaiger schlechter Absichten energetisch „durchgescannt“, die hinter dem Besuch stecken könnten. All das geschieht unter der Patronanz der verstorbenen Ahnen.

Den Abschluss des Powhiri bildet die Aufnahme in die Familie bzw. den Stamm. Es wird gemeinsam gegessen und somit das „Tapu“ (die Heiligkeit der Zeremonie) aufgehoben. Von da an darf man sich als Familienmitglied verstehen und sich frei am Marae bewegen. Unter gewissen Spielregeln, versteht sich. Das so genannte Protokoll regelt das Miteinander am Marae und bestimmt gibt es auch bei den Maoris den äußersten Fall, dass ein Gast „zur Tür begleitet“ werden muss.

Wie schon im letzten Artikel ausführlich dargestellt, ist ein Aufenthalt mit der Großfamilie am Marae eine sehr schöne oder sogar lebensverändernde Erfahrung. Während bei uns in Europa die Familien immer kleiner werden, der Anteil der Singlehaushalte gegen 50% geht und die Einsamkeit um sich greift, gibt es bei den Maori noch echte Clans. Kinder und Alte sind gleichermaßen ein natürlicher und essentieller Teil im Familienleben, im Geben und Empfangen. So bleibt der Kreis des Lebens geschlossen und die Generationen sind nicht voneinander isoliert.

Dass in unseren österreichischen Medien momentan ernsthaft eine Diskussion über die „Zumutbarkeit von Kinderlärm im öffentlichen Raum“ geführt wird, das erzählt man in Neuseeland besser niemanden. Die Kinder sind der Schatz und die Zukunft eines funktionierenden Stammes und es wird alles getan, damit sie sich am Marae wohlfühlen und mit diesem eine lebenslange Verbindung eingehen. Wenn sie dann einst erwachsen werden, wegziehen und ihre eigene Familie haben, bleibt das Marae stets ein Zuhause für sie, wo sie immer hingehen können um Rückverbindung, Erholung, Heilung und Rückzug im Schoße der Familiengemeinschaft zu finden. Die Lebensenergie, Freude und Kraft der Kinder am Marae wird vor allem von den Alten gerne in Empfang genommen. Die Alten geben dem Clan dafür ihre Lebenserfahrung, ihre Weisheit und die Sicherheit, dass man sich als Familie gemeinsam im Rahmen der Tradition und in einer gesunden Verbindung mit den Ahnen bewegt.

Letzteres ist vor allem in den zeremoniellen Anlässen von essentieller Bedeutung – und davon gibt es am Marae genug. Das Marae ist ja nicht nur Zentrum des familiären, sondern auch des rituellen Lebens. Powhiris (Willkommensrituale), Tangihangas (dreitägige Abschiedsrituale für Verstorbene) und andere größere Zeremonien, traditionelle Heilungsarbeit, die tägliche Tagesabschlusszeremonie vor dem Schlafengehen, und einiges mehr…

Das soziale Leben folgt so wie das Zeremoniell bestimmten, alt bewährten Abläufen, die vor allem der Stärkung und dem Erhalt der Gemeinschaft dienen. Man schläft gemeinsam, steht gemeinsam auf, isst gemeinsam und arbeitet gemeinsam (Putzen, Kochen, Instandhaltung, etc.). Man musiziert und spielt gemeinsam, man lacht und weint gemeinsam. So entsteht die Erfahrung von Familie, Stamm, Zugehörigkeit und letztendlich auch Sicherheit im Rahmen eines traditionellen Gefüges, das auf Gemeinschaft, Harmonie und Balance aufbaut.

Die Maori passen trotz aller Herausforderungen unserer Zeit gut auf die Traditionen, Werte, Gebräuche und die Sprache ihres Volkes auf und durch das Unterrichten der Kinder wird dafür gesorgt, dass all das erhalten bleibt. So ist Neuseeland nicht nur ein schönes, freies und entwickeltes Land oder ein Top-Reiseziel mit traumhaften Landschaften, gesunder Umwelt, gutem Essen und freundlichen Menschen. Das alles ist es natürlich auch, aber vor allem ist Neuseeland einer der immer weniger werdenden Orte auf dieser Welt, wo die oben dargestellten Aspekte eines gesunden, menschlichen Miteinanders im dritten Jahrtausend noch gelebt werden bzw. in Erfahrung gebracht werden können, wenn man Glück hat und Zugang dazu bekommt.

Ich durfte diesen speziellen Schatz, den die Maori hüten, schon auf meinen ersten beiden Neuseelandreisen erkennen und erfahren. Mir war damals schon klar, dass mir etwas zuteil wurde, was sogar den meisten (weißen) Neuseeländern und noch vielmehr den Millionen Besuchern dieses Landes verwehrt bleibt. So etwas kann man auch nicht planen oder herbeiführen. Genauso wie die Liebe – die trifft einen auch unerwartet. Und diese hat mich auch getroffen und so bekam ich noch ein viel schöneres Geschenk von Neuseeland – meine geliebte Wyn und all die schönen Erlebnisse und Zeiten, durch die wir schon zusammen gehen durften.

Wie schon im letzten Artikel berichtet war es um das vergangene Neujahr endlich soweit, dass Wyn und ich zusammen Zeit in Neuseeland verbringen konnten und ich ihre Familie kennen lernen durfte. Das war auch das erste Mal für mich, dass ich für längere Zeit und nicht nur als Gast auf einem Marae war, sondern wirklich als Teil der Familie. In jenen Wochen ist für mich viel geschehen und noch einmal eine ganz andere Dimension aufgegangen. Es wurde mir mit jedem Tag noch begreifbarer, worum es beim Leben im Familienverband und am Marae wirklich geht und wie gut es sich auf einen auswirkt, wenn man sich wirklich einlässt. Eine sehr erweiternde Erfahrung, von der man sich wünschen würde, dass sie für mehr Menschen zugänglich werden könnte…

Wyn und ich hatten tatsächlich schon seit längerer Zeit den Wunsch gehegt, uns nahe stehenden Menschen von zuhause einen kulturell-spirituellen Heilungsaufenthalt in Neuseeland zu ermöglichen und so unsere Liebe und Freude an der Kultur mit anderen zu teilen. Alles ganz authentisch, versteht sich. Aus dem Herzen gelebte Interkulturalität, das Leben auf dem Marae, die Erfahrung Teil eines Stammes zu sein, das Eintauchen in die indigene Tradition und Spiritualität der Maori, persönliche sowie kollektive Heilwerdung und das gemeinsame Genießen des wunderschönen Landes…all das und einiges mehr sollte eine solche Reise zu einer lebensverändernden Erfahrung für auswärtige Freunde machen…das war die Vision! Für uns war klar, dass so eine Reise rundum spirituell ausgerichtet und begleitet sein muss. Erst das gibt dem ganzen Sinn und Ernsthaftigkeit, man verbindet sich wahrhaftig und die persönlichen Erfahrungen werden dadurch zu einem größeren und kollektiven Feld. Im indigenen Denken gibt es ja sowieso keine Trennung zwischen geistiger und physischer Welt…

An dieser, unserer Vision und deren möglicher Wegöffnung haben wir sehr lange und intensiv gearbeitet – vor allem auch mit Wyns Familie in Neuseeland zusammen. Es sollte auch von Anfang an eine von der Gemeinschaft getragene Sache sein.

Für ein derartiges Vorhaben muss natürlich zuerst einmal energetisch der Boden bereitet werden, damit es sich dann überhaupt auf positive Art manifestieren kann und gut beschützt ist. Immerhin hat es so etwas in dieser Form vorher noch nie gegeben. Bevor man Menschen und Kulturen miteinander verbindet, wollen zuerst die Energiefelder im Hintergrund verbunden werden. Man geht dabei auch nicht einfach über Grenzen hinweg, die womöglich über Jahrhunderte oder Jahrtausende bestanden haben und ganz bewusst gezogen wurden. Also sind wir behutsam vorgegangen und haben in Abstimmung mit den Ahnen und den Ältesten aus Wyns Umfeld über lange Zeit hinweg an der Wegöffnung für eine interkulturelle Zusammenführung gearbeitet. In vielen Zeremonien wurde auf beiden Seiten um geistige Erlaubnis, Unterstützung, Führung und Schutz gebeten. Vieles wurde besprochen und gemeinsam erörtert und letztendlich wurden die Dinge auch gemeinschaftlich abgesegnet und beschlossen.

Im vergangenen November fühlte es sich dann endlich so an, als ob der richtige Zeitpunkt und die richtige Energie zur Verwirklichung unseres Wunsches gekommen wären. Der einzig mögliche, absehbare Termin war schon im Februar – da blieb freilich nicht viel Zeit zum Entscheiden für unsere Freunde zuhause. Und so war die Freude dann allseits groß, als tatsächlich einige unserem Ruf folgen und sich auf dieses gemeinsame Abenteuer in Aotearoa im Februar 2015 einlassen wollten. Super!

Alles ging also recht schnell und sehr bald war unser baldiger Besuch von zuhause auch schon das große Thema in Wyns Großfamilie. Die Ankündigung, dass meine Mutter kommen wird, hätte allein schon rundum für freudige Aufregung gesorgt. Aber dass nicht nur meine Mutter, sondern sogar eine ganze Gruppe von zuhause kommen sollte, um Wyns Familie, die Maori und ihre Welt kennen zu lernen, das war schon eine wirklich große Sache. Und auch auf der anderen Seite der Erdkugel konnten das alle Beteiligten so spüren. So bereitete man sich allseits freudig auf die kommende Zusammenführung vor.

Wyn und ich haben in Neuseeland die letzten Vorbereitungen getroffen. Das Praktische in Neuseeland ist, dass Besuche von Gruppen relativ einfach abgewickelt werden können, da die Maraes auch voll funktionierende Großquartiere sind. Verwandtschaft oder ein sehr guter persönlicher Kontakt zu den „Tangata Whenua“ („Leute des Landes“ = Ortsansässige) sind freilich Voraussetzung, um mit einer Gruppe von Auswärtigen auf ein Marae kommen zu können. Das ist aber unter den Maoris mit vielen Dingen so: Betreten von heiligen Plätzen, Treffen mit wichtigen Persönlichkeiten, etc…für alles braucht man gute Kontakte um ein- bzw. vorgelassen zu werden. Wyn und ihre Familie haben wirklich im ganzen Land einige von diesen Kontakten und die Tore öffneten sich für uns vielerorts auf schöne Weise.

Mit den Kontakten alleine ist es aber noch nicht getan. Wie in jeder Kultur braucht es zudem für einen korrekten Ablauf aller Dinge viel Gespür bzw. auch die genaue Kenntnis der ungeschriebenen Gesetze, die da so herrschen. Und die sind teilweise doch vollkommen anders als in unserer Welt. Eines kann ich nach meinem heutigen Stand sicher sagen: Unsereins würde in einem traditionellen Maori-Umfeld trotz Hausverstandes, guter Erziehung und redlichen Bemühens ahnungslos von einem Fettnäpfchen ins nächste tappen und relativ schnell verzweifeln. So wurde die Zeit unserer Vorbereitungen für mich auch ein unerwarteter und manchmal auch immens anstrengender Intensivkurs in den vorherrschenden „Do´s and Don´t´s“. Der Maßstab für die Herangehensweise wird nicht so wie bei uns zuhause vor allem durch Transparenz, Kosten-Nutzen-Rechnung, Effizienz und Zielorientiertheit gesetzt, sondern man muss allerlei andere Dinge beachten, Geduld haben, ja nicht mit der Tür ins Haus fallen, zwischen den Zeilen lesen, auch öfter mal den Mund halten, etc., etc. etc….alles mitunter schwierige aber sehr positive und lehrreiche Übungen für mich. Und dennoch weiß ich ganz genau, dass ich wohl nur eine ganz kleine Ahnung bekommen habe, wie die Dinge so laufen. Egal – nachdem Wyn sich in der Welt der Maoritradition hundertprozentig sicher bewegt, habe ich ihr eigentlich nur vertrauensvoll folgen brauchen. So wie es sie in meiner Welt mit mir macht.

Auch hat unser kleines Projekt in der Vorbereitung erwartungsgemäß interessante Dynamiken bekommen, was die Mitwirkung von Menschen und Orten anbelangt. Man macht so seine Pläne und dann kommt es oft erst wieder ganz anders und es heißt flexibel bleiben, loslassen und sich auf neue Gegebenheiten einstellen. Aber wir kennen das ja schon und was kann man denn schon tun als auf die Spirits, die gute Fügung und den Prozess zu vertrauen. Ganz nach dem Motto: „ Am Ende ist noch immer alles recht gewesen.“ So hat sich unser Projekt auch bis zum letzten Tag vor der Ankunft unserer Besucher (und darüber hinaus…) intensiv bewegt, gewandelt und immer wieder selbst neu aufgestellt. Und irgendwann war dann eh einfach der erwartete Moment da und es ging los…

Ein altes Bienensprichwort sagt: “Über ungelegte Eier soll man nicht sprechen.” Darum habe ich diese Geschichte nicht schon längst vorher, sondern lieber erst jetzt aus der Rückschau geschrieben und hier am Blog gepostet.

Koru, der sich entfaltende Farn. Für die Maori ein Symbol für Wachstum, Entwicklung und Kraft.

Koru, der sich entfaltende Farn. Für die Maori ein Symbol für Wachstum, Entwicklung und Kraft.

Ein Gedanke zu „„We have a dream…“ – vom Ursprung bis zur Verwirklichung einer Vision

  1. Vani

    Lieber Jörg,liebe Wyn,
    Danke für diesen sehr berührenden Bericht von einer deiner ganz besonderen Reisen…wenn nicht von einer deiner wichtigsten und schönsten, …wie uns scheint. Wir spüren deine Hingabe und ganz viel Glück.
    Auch wir sind mit dir/ mit euch glücklich.
    Mutti und Vati

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>