Versoehnlicher Abschied von Potosi

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Nein, meine Kamera hab ich nicht wieder. Die gehoert jetzt jemandem anderen. Damit hab ich mich abgefunden, nachdem ich in der Frueh wie vereinbart noch einmal bei den Bullen vorbeigeschaut hab, um zu erfragen, ob ihre “Ermittlungen” erfolgreich waren. Erwartungsgemaess “nada”…

Mit dieser Gewissheit konnte ich mir einen gemuetlichen Tag ohne Fotostress machen. Hab viel und gut gegessen.

Ganz unerwartet hat der Nachmittag noch ein Highlight gebracht. Naemkich eines der groessten religioesen Feste, die im Jahreverlauf in Potosi stattfinden. Die Prozession der Virgen de Rosaria, der ortsansaessigen Mutter Gottes. Bis auf ein paar Mineros, die auch am Sonntag arbeiten, ist die ganze Stadt auf den Beinen um den pompoesen und stundenlangen Umzug der Glaeubigen und der Gottesmutter durch die ganze Stadt zu begleiten. Mit mehreren Kapellen und vielen Abordnungen war das ein buntes Geschehen, begleitet vom Glockengelaeute der 36 Kirchen der Stadt. Die Virgen ist auf einem wohl tonnenschweren, silberbeschlagenen Gestell montiert und so gross, dass sie durch die engen Gassen und unter den tief haengenden Telefonkabeln nur schwer durch zu manoevrieren ist. Getragen wird sie von honorigen Herren in Anzug und mit verspiegelten Sonnenbrillen. Vor der Madonna gehen ein paar Typen mit langen Gabeln zum aufheben der zigtausend Telefonkabel. Wenn das nichts hilft, wird die Virgen tiefer getragen. Die Typen geben dabei ihr letztes.

Ich hab die hingebungsvolle Glaubensausuebung der Leute bewundert und auch viel zum Schmunzeln gehabt an den ca 4 Stellen, wo ich den Zug vorbeiziehen liess.

Das ganze geht ja nicht so streng zu hier, auch wenn sich alle diesbezueglich bemuehen, es gibt halt Grenzen…

Dem Zug eroeffnet die hiesige Polizeikapelle mit ca 10 Leuten, die durcheinanderspielen und nicht einmal zur eigenen Musik den Gleichschritt halten. Dann kommen Kinder und Jugendliche in Schuloniformen, die riesige Bibeln tragen und sich einen Mordsspass machen, waehrend ihre Erzieher versuchen, den Ernst hochzuhalten. Oeberhaupt ist der Zug von vielen Gschaftlern begleitet, die die Ordnung im Auge behalten.

An allen Kreuzungen gibt es Chaos, weil der Verkehr zwar umgeleitet wird, aber genau in die Prozession hinein. So konnte ich beobachten, wie ein Busfahrer eine Luecke in der Prozession zum Ueberqueren der Strasse nutzen wollte. Platz war genug, doch als er einen halben meter nach vorne gerollt ist, hat sich eine Alte mit einem silberbeschlagenen Holzkreuz vor den Bus gestellt und wild herumgeschrien. Ihre Spiessgesellen haben derweil die Kotfluegel des Buses mit Fusstritten verbeult. Die wissen hier halt noch, was das wehrhafte Christentum ist…

Die madonna wird von den Balkonen aus mit Blumen und Konfetti beworfen. Hinter ihr geht die hohe Geistlichkeit mit todernster Miene. Den Abschluss bildet die Militaermusik und eine Garde, die an Zackigkeit fast mit den Pfadfindern mithalten kann.

Dennoch schoen, wie die ganze Stadt an diesem Geschehen begeistert teilnimmt. Mir hat das echt gutgetan. Hab den Zug noch eine Weile begleitet, bis er dann bei untergehender Sonne Richtung Cerro Rico aus der Stadt rausgezogen ist. Ich bin froh, dass die Stadt mir noch ihr schoenes Gesicht gezeigt hat, und werde mich jetzt zufrieden in den Nachtbus nach LaPaz setzen, wo ich morgen frueh dann ankommen werde.

Schade ist, dass ich von der Prozession keine Fotos habe…hoffe, dass ich morgen eine Kamera kaufen kann.

Ein Gedanke zu „Versoehnlicher Abschied von Potosi

  1. Hannes Buchinger

    Lieber Jörg,

    Du kannst Dir vorstellen, wie ich mit Dir leide, wenn Du vom Verlust Deiner Kamera schreibst….

    Jörg, was ich Dir schon lange einmal schreiben wollte: Dein Bildaufbau und Deine Motiv(aus)wahl* sind schon sehr professionell! Oft frage ich mich, wer von uns beiden jetzt eine fotografische Laufbahn einschlagen will…

    (* die Hölle bleibt, wie nicht anders zu erwarten war, fotografisch unerfasst…)

    In Anbetracht meiner bevorstehenden Reise, bei der ich fotoausrüstungsmäßig ähnlich wie Deine vietnamesischen Freunde ausgestattet sein werde, bleibt mir die Hoffnung, dass mir das Fehlen meines 8kg-Rucksackes sofort auffallen würde…Und sollte doch einmal etwas schief laufen, so bleibt der Trost des Nachfolgemodells. Ob das auch für Dich zutrifft, kann ich nur schwer beurteilen…

    Mach’s gut Jörgele,
    bis bald!
    s’Hansele

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