Licht und Schatten in Betlehem

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An einem unserer Tage in Jerusalem haben Gunti und ich uns Richtung Betlehem aufgemacht, um Jesus Geburtsort die Ehre zu erweisen, ohne aber zu wissen, was uns dort erwarten würde…

Betlehem ist ja eigentlich ein Vorort von Jerusalem und so haben wir uns in den arabischen Bus gesetzt, der in diese Richtung geht. Was wir Ahnungslose nicht bedacht haben, ist, dass Betlehem ja schon zum von Israel bestzten Westjordanland gehört, dort die Palästinenser wohnen, und dass die Israeli nach Ausbruch der zweiten Intifada im Jahre 2000 eine riesige, ungefähr zehn Meter hohe Betonmauer gebaut haben, die Jerusalem vom umgebenden Westjordanland trennt. Vom Bus aus sieht man schon die neuen und ummauerten Siedlungen, die die Israeli im bestzten Gebiet errichtet haben. Irgendwann hat uns der Busfahrer rausgeschmissen und uns die Richtung gezeigt, in die wir gehen sollten. Alles was wir sahen, war eine irre Mauer, viel Stacheldraht, Kontrolltürme und eine Containerburg, die als Grenzschleuse funktioniert und mit schwer bewaffneten Israelis besetzt ist.

In diese Schleuse sind wir eingetreten und auch relativ rasch durchgekommen, die jugendlichen Soldaten wussten eh nicht so recht, was sie da zu tun hätten mit ein paar dahergelaufenen Christen wie uns. Für die Palästinenser auf der anderen Seite der Mauer sieht die Lage schon anders aus. Leute, mit denen wir geredet haben, erzählten uns, dass sie vor der Mauer oft nach Jerusalem gefahren sind, Verwandte besuchen etc… Aber seit die Mauer da ist, ist die Prozedur so furchtbar, dass sich kaum noch jemand die Mühe macht.

Wir wurden auf der anderen Seite der Mauer von ein paar auf Geschäft wartende Taxifahrer empfangen. Auch nicht das, was man sich vorstellt, aber wir haben dann doch ein Taxi für eine zweistündige Tour genommen. Unser 25jähriger Fahrer hat uns einiges über die Situation aus seiner Sicht erzählt. Sehr interessant. Die Mauer dominiert auch den Weg Richtung Stadt. Teilweise schlängelt sie sich wie eine Schlange durch das besiedelte Gebiet und bildet Korridore, die zum Beispiel einen Zugang zur Synagoge bilden. Alles in allem fühlt man sich wie in einem grauslichen Film, wenn man das sieht. Aber so ist da die Realität. Und den Palästinensern hier geht es ja noch um Lichtjahre besser als denen im Gazastreifen.

Israelisiedlung im Westjordanland

Israelisiedlung im Westjordanland

Willkommen in Betlehem

Willkommen in Betlehem

die "Schlange"

die "Schlange"

das ubgefuckte Betlehem

das abgefuckte Betlehem

Ja, da schaut man schon mal blöd, gell! Aber: “Wo viel Schatten ist, da muss auch irgendwo das Licht sein.”, dachten wir uns und fuhren weiter Richtung Jesus Geburtsstätte, ganz nach dem Motto “Fürchtet euch nicht.”

Zuerst ging es zum Schäferfeld, wo die Hirten den Engel gesehen haben, der Jesu Geburt ankündigte. Dort steht eine kleine, nette Kapelle, die von einem schönen Garten mit friedlicher Atmosphäre umgeben ist.

Shepards´ field

Shepards´ field

so oder so ähnlich wird´s wohl gewesen sein

so oder so ähnlich wird´s wohl gewesen sein

Weiter ging es dann zur Geburtskirche im Stadtzentrum, wo einst der berühmteste Stall der Welt gestehen haben soll. Die Kirche ist Ziel vieler Pilger aus aller Welt und wir fanden uns auch in einem relativen Trubel wieder. Wie alle Kirchen hier wird auch diese von griechisch-orthodoxen Priestern betrieben, schwarze Brüder mit langen Bärten und Haaren.

hier soll es geschehen sein

hier soll es geschehen sein

Ja, ich hab halt leider nur dieses eine berühmte Bild aus der Krypta, wo Jesus geboren worden sein soll. Es gibt hier mehrere Schreine für die verschiedenen Kirchenrichtungen. Man kommt aber nur sehr schwer dazu, weil überall die Pilger auf ihren Knien rumrutschen, alles abbusseln, Tränen vergießen etc. Ist ja auch nichts dagegen zu sagen, ich war auch sehr bewegt, nur der Ablauf ist halt etwas schwierig auf diese Art.

Dannach ging es noch zu einer Kapelle, die sich “Milk-Grotto” oder so nennt. Der Ort, an dem Maria das Jesuskind gestillt haben soll. Die Kapelle ist sehr schön, man geht in eine Art Keller runter, alles ist aus weissem Marmor, sehr klar und rein, und trotzdem gemütlich warm.

die stillende Maria

die stillende Maria

So haben wir doch noch das Licht gesehen und gefühlt. Ich hoffe, dass auch die Leute hier eines Tages wieder mal etwas mehr davon abbekommen dürfen. Als Drüberstreuer sind wir noch ein wenig die Mauer entlanggefahren und haben uns ein paar Graffitis angeschaut, unter anderem ein paar, die der berühmte englische Künstler Banksy hier vor ein paar Jahren angebracht hat.

Ja, so sind wir recht bewegt worden an diesem Tag…von Licht und Schatten, die wie an vielen Orten der Welt besonders hier in diesem heiß umkämpften Stück Erde sehr eng beieinander liegen. Es ist hier schwierig, nicht in die Beurteilung und Bewertung von dem Gesehenen zu gehen…eine gute Übung allemal.

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Ein Gedanke zu „Licht und Schatten in Betlehem

  1. Stefan

    Hola Hermano mio,
    nach dem Lesen Deines Berichtes über Bethlehem, da war eine zeitlang erst mal ein bißchen traurig, verwirrt und ratlos. Natürlich weiß ich um die Situation in Israel, aber wenn ich es dann von jemanden lese, den ich so gut kenne wie Dich, dann rückt es viel näher in meine Welt, berührt und betrifft mich viel unmittelbarer. Die Bilder der Mauer haben mich wirklich sehr schmerzhaft schockiert. Du weißt ja, ich bin und bleibe einfach ein Deutscher, egal wie lange ich schon in Österreich bin. Und in meiner Kindheit und Jugend haben wir (meine Familie und ich) viele Reisen in die DDR gemacht. Ich war als Kind auch in Berlin und habe die Mauer von beiden Seiten aus gesehen. Ich kannte und kenne sehr liebe Menschen, die in der DDR sehr gelitten haben und nun sehe ich Bilder, die mich an all das erinnern. Deine Schilderungen der Soldaten erinnert mich an die ständige Anwesenheit von Polizisten und Soldaten bei unseren Reisen. Ich empfinde das im Moment als sehr sehr bitter und ich habe einen dicken Kloß im Hals. Auch von den Mühen und dem Aufwand, den es macht Verwandte zu besuchen, die auf der anderen Seite der Mauer leben. Wie gerne hätte ich damals die lieb gewonnen Menschen in der DDR öfters besucht. Und nun ist die Mauer in Deutschland schon Geschichte, woanders wird aber wieder ein aufgebaut.
    Ich nehme an, das wird für mich eine sehr interessante und vielleicht auch aufschlussreiche Erfahrung, wenn ich selbst mal nach Israel reise.

    Nun wünsche ich Euch eine gute Weiterreise, vielleicht mit weniger Waffenpräsenz, dafür mit umso mehr holder Weiblichkeit, mit wundervollen Begegnungen und vielen bleibenden und nährenden Eindrücken.

    Alles Liebe
    Dein Hermano Stefan

    P.S.: Danke für die gute “Kritik” meines Buches.
    Ich mag es selber sehr gerne, einfach weil unsere Liebe zu Guatemala und unsere Erlebnisse dort die Inspiration waren.

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