Ausritt nach Chamula

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San Juan de Chamula ist ein kleines Dorf in den Bergen, das vor allem deshalb ein bekanntes und beliebtes Ausflugsziel ist, weil es ein Zentrum für die kleine Volksgruppe der Tzotziles ist, die sich ihre ganz eigene religiöse Identität und entsprechende Gebräuche erhalten haben.

Zentrum des Dorfes ist die an sich katholische Kirche, deren Innenleben sich zweifelsohne am alleräußersten Rand von Ratzingers Universum abspielt (oder eher schon jenseits davon), aber dennoch offiziell von Rom geduldet zu sein scheint. Kurz gesagt findet in der Kirche unter genauer Beobachtung durch die unzähligen Heiligenfiguren ein archaisch anmutendes Geschehen statt, das man normal eher auf Naturaltären vermuten würde als in einer Kirche. Es brennen tausende Kerzen am Boden und an den Altären. Es gibt hier nicht einen Pfarrer, der hier das alleinige Sagen hätte, sondern hier hat theoretisch jeder die Möglichkeit, mit seinem Anliegen vor der geistigen Welt laut vorzusprechen und das aus seiner Sicht Nötige an Handlungen zu vollziehen – natürlich auch im engen Rahmen der Gebräuche. Der Boden der Kirche ist mit Kiefernnadeln ausgelegt; alles zusammen ergibt ein eindrucksvolles Bild für den Touristen, der jedoch kaum verstehen kann, was da vor sich geht und insgesamt eher fehl am Platz ist. Fotografieren ist unter Strafe der physischen Kamerazerstörung durch die örtlichen Wächter verboten, somit halten sich die Leute daran.

Kirchplatz Chamula

Kirchplatz Chamula

pelzige Kerlchen, die Einheimischen...aber mit grimmigem Blick und Stöcken, die nicht zum Spazieren gedacht scheinen

pelzige Kerlchen, die Einheimischen...aber mit grimmigem Blick und Stöcken, die nicht zum Spazieren gedacht scheinen

Ich war heute in Chamula und hab mir ein Bild von der Sache gemacht. Die Kirche war gedroschen voll, weil man sich auch hier schon auf den bevorstehenden Feiertag der Virgen (sprich: Wirchen) von Guadalupe, der Nationalheiligen von Mexiko und Schutzpatronin ganz Lateinamerikas, vorbereitet. Es haben bestimmt zigtausende Kerzen gebrannt, der ganze Rummel hat gehalten, was Reisebücher und Touranbieter versprechen. Aber wenn man vorher in Guatemala war und dort nur ein bisschen was mitbekommen hat, dann kommt einem das Treiben in Chamula schon eher normal vor. Zumindest ging es mir so…

Kirche von innen an einem wohl ruhigen Tag (Internet-Download)

Kirche von innen an einem wohl ruhigen Tag (Internet-Download)

Friedhof chamula

Friedhof chamula

Vermummte Schafe...sind wohl Zapatisten

Vermummte Schafe...sind wohl Zapatisten

Die ganze Sache dort hat ja auch eine schwere Schattenseite. Die verarmten Außenviertel von San Cristobal sind voll mit tausenden Leuten, die aus Chamula vertrieben wurden, weil sie aus der Tradition aus- und anderen Glaubensgemeinschaften beigetreten waren, von denen dort keine einzige toleriert wird. Hmm…Mich hat auch das unfreundliche Auftreten und die Distanziertheit der Einheimischen gestört. In dieser Hinsicht ist Guatemala normalerweise anders.

Wie dem auch sei…eine Stunde in Chamula war genug und für mich hat der Ausflug dorthin was anderes Schönes gebracht, dem ich anfangs eher skeptisch gegenüberstand. Ich bin nämlich nicht mit dem Bus gefahren, sondern am Rücken eines Pferdes nach Chamula und retour geritten. Skeptisch war ich vor allem, weil ich schon oft genug Zeuge geworden bin, wie schlecht die Vierbeiner in Ländern behandelt werden, wo der Mensch schon so ein bescheidenes Dasein führen muss.

Mit einer Gruppe anderer Reisender ging es zum Pferdeverschlag, die Pferde machten einen guten Eindruck und ich durfte mich gleich auf den größten und stärksten Gaul rauf schwingen. Dieser war ein sehr erfahrenes Kerlchen und hat uns gleich von der Gruppe freigemacht, den Weg kannte er ja schon. Es hat ein wenig gedauert, bis uns die Spielregeln beiden klar waren, aber dann war es ein Riesenspaß. Schritt, Trab und schließlich Galopp, oh ja! Der Bursche ist ganz schön abgefetzt mit mir, während die meisten anderen Gäule ziemlich fad und deren Reiter rechte Hosenscheißer waren. Die Aufmerksamkeit der kleinen Mexikaner, die uns eigentlich begleiten und führen sollten, galt dabei sowieso vor allem den ReiterINNEN…und so waren letztendlich alle zufrieden, die Menschen zumindest.

Mir hat das Reiten große Freude gemacht. Vor allem auf den Wiesen und im Wald, wenn der Gaul in die oberen Gänge geschalten hat. Wer hätte das gedacht, dass ich meine schon in frühen Kindheitstagen gescheiterte Reiterkarriere doch noch fortsetzen kann. Wenn sich mal eine Gelegenheit bietet, werde ich mich wieder in den Sattel schwingen. Gelernt hab ich auch was: Man reitet nicht mit kurzer Hose, sondern im Idealfall mit Reiterhose und Stiefel, um der Bildung eines Wolfes und einer unfreiwilligen Epilierung der inneren Wadenbehaarung vorzubeugen. Außerdem tut mir heute der Hintern weh. Aber das war die Sache wert! Ein super Tag wieder mal!

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