Archiv für den Monat: November 2009

Mein Amigo Gerhard und die kleine Geschichte vom großen Toj (sprich: Toch)

Nach einer Woche Ruhe und Frieden im Zentrum hatte ich erst ein wenig Mühe, mich wieder an die normale Geschäftigkeit und den allgegenwärtigen Wirbel auf den Straßen Guatemalas zu gewöhnen. Ich hatte aber keine Wahl, schließlich galt es eine Vereinbarung einzuhalten…

Am Donnerstag, dem 19.11., war mein guter Freund und ehemaliger Bürokollege bei Biotop, Gerhard, am Flughafen in Guatemala City abzuholen. Gerhard hat so wie ich ein paar Jahre brav gedient und ein bisschen Knete zur Seite gelegt, um sich schließlich jetzt den Traum einer längeren Reise zu erfüllen. Sein mittelfristiges Ziel ist es, eine Yacht zu finden, die ihn für ein paar Wochen oder gar Monate durch die Karibik mitnimmt, so wie das unsere gemeinsame Freundin Karina im Vorjahr vorgezeigt hat. Den Start seiner Reise hat er aber nach Guatemala verlegt, um mich hier zu treffen und herauszufinden, was hier so faszinierend ist. Und die Karibik ist ja dann nicht mehr weit, wenn man erst einmal hier ist…

Als ich Gerhard planmäßig in der Stadt abgeholt habe, war die Freude beiderseits groß. Wir sind, so wie das fast alle Ausländer machen, direkt vom Flughafen nach Antigua gefahren, die alte Hauptstadt des Landes, die mit kolonialen Bauten und touristischer Infrastruktur, vor allem netten Lokalen, punktet. So haben wir erst mal Wiedersehen bei Speis und Trank gefeiert, sowie ein paar Pläne für die kommende Zeit geschmiedet.

ein erstes schnelles Bierchen

ein erstes schnelles Bierchen

Ich kenne ja Guatemala schon in- und auswendig und fühle mich hier fast so zuhause wie daheim in Österreich. Für Gerhard war es aber doch ein beeindruckender Tapetenwechsel.

Am zweiten gemeinsamen Tag sind wir zum Pacaya aufgestiegen, einem aktiven Vulkan, und einem der wenigen Orte auf der Welt, wo man als Tourist so nahe an die flüssige Lava heran darf, dass man mit dem Spazierstecken in dieser umrühren kann. Ich war dort schon zum vierten Mal oben, es ist jedes Mal anders und ein beeindruckendes Erlebnis. Die Lava, der Sonnenuntergang und der Blick auf die Vulkankette, die sich durch das Land zieht.

der Weg hinauf

der Weg hinauf

die 2 Schattengestalten wurden wir nicht los

die 2 Schattengestalten wurden wir nicht los

erhebend

erhebend

die Lava

die Lava

Volcanos Fuego (aktiv), Acatenango und Agua

Volcanos Fuego (aktiv), Acatenango und Agua

Von Antigua sind wir am Tag darauf gleich mal Richtung Hochland gefahren, um dem „richtigen“ Guatemala etwas näher an die Pelle zu rücken. Zuallererst fuhren wir an den geliebten Lago Atitlan und checkten in Panajachel ein, wo Gerhard erstmal einen Eindruck davon bekommen sollte, was hier rein landschaftlich schon so reizvoll ist, dass viele Leute – so auch ich – immer wieder gerne hier her kommen. Der Lago hat überzeugt, trotz momentaner Veralgung.

Schon am nächsten Tag stand ein weiteres touristisches „Must“ Guatemalas am Programm. Der Markt von Chichicastenago wird als der bunteste Indianermarkt der Welt bezeichnet, ich hab auch noch keinen besseren gesehen. Jeden Donnerstag und Sonntag rücken unzählige Standler aus der näheren und weiteren Umgebung aus dem Hochland mit ihrem ganzen Kramuri an, um diesen am Markt von „Chichi“ feilzubieten. Die kleine Stadt geht an den Markttagen über mit Leuten, es ist ein einziges Gedränge aber auch ein Riesenspaß und pulsierendes Leben schlechthin.

Am Weg nach Chichi liegt ein gut versteckter, aber mir wohlbekannter Naturaltar der Maya, der besonders in seiner Qualität der Wegöffnung erkannt und geehrt ist: „Tesoro Mundo“, der Schatz der Welt. Dort machten wir in der Früh für Gerhard ein kleines, aber feines Wegöffnungsritual nach lokaler Tradition der Feuerzeremonie. In diesem Kulturkreis ist es üblich, an wichtigen Schwellenpunkten des Lebensweges (und an so einem steht mein Freund) um einen heilvollen Übergang und die weitere Öffnung des Weges und um Schutz auf diesem zu bitten, sowie die Bedeutung des Zeitpunktes in die Aufmerksamkeit und das eigene Bewusstsein zu nehmen. Eine sehr schöne und auch wichtige Sache, die dem Gerhard sichtlich wohl getan hat.

am Tesoro Mundo

am Tesoro Mundo

Ein kleiner Exkurs: Die Mayazeremonie mit all ihrem Aufwand von Material, Zeit, Anreise, Aufmerksamkeit und HinGABE wird hier oft als eine Form des TOJ (Sprich: Toch) bezeichnet. Unter TOJ versteht man ganz allgemein die Lebenshaltung, dass man über das GEBENDE Prinzip den Fluss des Lebens in Gang hält. Dies sollte bei Vorhandensein eines gewissen Entwicklungsstandes jedoch nicht aus dem Kalkül, sondern aus dem Herzen erfolgen. In dieser Haltung waren auch wir am Tesoro Mundo. So wie ich es gelernt habe, wird über ein Ritual stets das ins Leben gebeten, was im Dienste und im göttlichen Sinne unserer Seele steht, und nicht das, was unserem menschlichen Wollen und dem persönlichen Willen entspringt. Der letztere Ansatz würde in den Bereich der Magie und den Missbrauch derselben führen, wie er ja auch weltweit – bewusst oder unbewusst – laufend betrieben wird, und sei es nur im alltäglichen Umgang mit der Macht von Gedanken und Sprache. Kurz gesagt legt man über das Mayritual den menschlichen Lebens- und Entwicklungsweg in die Hände Gottes.

Ganz leicht sollte es dem Gerhard dann dennoch nicht gemacht werden, denn ihm sollte hier sozusagen als „Eintritt“ in diesen Kulturkreis ein doch beträchtlicher TOJ abverlangt werden. Wenig später und ein paar Pickup-Kilometer weiter…

am Pickup ging´s weiter nach Chichi

Hier die Kurzfassung: Ich bin nach der Ankunft in Chichi (sprich TschiTschi) mal gemütlich Richtung Kirche marschiert, einem angenehmen Ort, wo man in all dem Gedränge rundherum eine schöne Übersicht bekommen und genießen kann.

Die Kirche von Chichi, erbaut auf den Resten einer alten Pyramide

Die Kirche von Chichi, erbaut auf den Resten einer alten Pyramide

die Stufen vor der Kirche sind noch recht gemütlich...

die Stufen vor der Kirche sind noch recht gemütlich…

...im Vergleich zum Markt

…im Vergleich zum Markt

Der Marktfreund Gerhard hat sich jedoch seine Sache nicht nehmen lassen und ist – trotz seiner langen Reiseerfahrung, die er in den letzten Ecken der Welt gesammelt hat, und insofern ist es noch unverständlicher – komplett blauäugig und fasziniert in den Gemüsemarkt von Chichicastenango hineingeköpfelt, um schon nach fünf Minuten im Gedränge kreidebleich festzustellen, dass ihm einer von den lieben kleinen Indianern sein komplettes Geld mit Kreditkarten und Reisepass aus der dann doch etwas zu exponierten Außentasche seiner Hose gefladert hat. Was für ein SCHOCK! Als Gerhard wie der geölte Blitz zwischen den Indianern aufgetaucht ist und auf mich zugesteuert kam, wusste ich schon, dass etwas nicht stimmt. Ich hab den Gerhard beruhigt, dass sich all diese Dinge regeln lassen und dass der Verlust eben vor allem ein materieller sei. Auf der Polizei wurde ein Protokoll geschrieben und klargemacht, dass hierzulande nichts wieder auftaucht, was erst einmal weg ist – eh klar! Mit einer Mischung aus tiefer Geknicktheit und übertriebenem Galgenhumor sind wir noch kurz am Markt gewesen, aber dann auch schon bald wieder abgefahren, die Freude war erstmal weg.

...trotz der Gratisrückfahrt in die Stadt

…trotz der Gratisrückfahrt in die Stadt

und trotz der netten Vorweihnachtsboten

und trotz der netten Vorweihnachtsboten am Markt

Wir haben uns beide genug Gedanken auf unsere jeweilige Weise gemacht, wozu denn das alles wieder notwendig gewesen sei. Wie dem auch sei, ich kann nur sagen, dass es bei all den Unannehmlichkeiten auch einen positiven Aspekt an der Geschichte gibt: in Ländern wie diesem ist es die angenehmste Art, Dinge abgenommen zu bekommen, wenn man dies im Moment nicht mal merkt und keine Gewalt im Spiel ist. Gerhard hat seinen TOJ auf eine relativ schmerzlose Art abgeliefert. Es gäbe genug andere Geschichten, die in den Revolverblättern auf der Straße nachzulesen sind aber hier auf diesem Blog sicher keinen Platz bekommen. Guten Schutz und Führung kann man in diesen Regionen der Welt nicht genug bekommen. Die Dunkelheit schlägt hier viel unmittelbarer zu, als dies in unserer tausendfach abgesicherten Welt daheim der Fall ist, und sehr schnell kann man als Reisender ziemlich in Turbulenz geraten. Doch eines ist auch klar: die Lichtseite des Lebens zeigt sich hier auch viel direkter, das erfährt man auf Schritt und Tritt, und man sieht es in den vielen lächelnden Gesichtern. Für die hat sich Gerhard recht bald ganz tapfer und cool wieder öffnen können, und das ist schön! Jeder der Menschen hier, denen man diese Geschichte erzählt, ist voller Anteilnahme und Mitgefühl. Und eines haben sie aus ihrer tief sitzenden Indianerweisheit fast alle gesagt: „Gerhard wird hier noch reich belohnt werden.“ Das glaube ich auch…und ich hoffe, dass der “Einritt” jetzt bezahlt ist.

Das hofft auch der Gerhard...bei allem Humor

Das hofft auch der Gerhard…bei allem Humor

Gerhards neuer Reisepass und die Bankkarten sind bereits auf dem Weg hierher und schon in zwei Wochen ist der ursprüngliche Status wiederhergestellt. Die Zeit wollten wir sowieso hier verbringen. Die Kosten der Aktion sind schon beträchtlich, aber Gerhard nimmt es mittlerweile mit seinem großen Humor. Apropos Humor: der aufgelegte Witz, dass ich wohl im Mayaritual eine Zutat vergessen haben könnte, wurde von uns schon weggelacht und braucht nicht erst gemacht werden. Wir sind froh, dass bis auf den Schrecken und dem Abhandenkommen von ein paar Papierlappen nichts passieren musste, und dass wir unseren Weg, wohin auch immer der gehen wird, in voller Gesundheit, Kraft und Freude fortsetzen können. Auf Märkten waren wir auch schon wieder, wie hier am Markt von Solola.

Märkte sind halt immer interessant

Märkte sind halt immer interessant

Die Wartezeit auf Gerhards Papiere nutzen wir jetzt zum Spanischlernen und Entspannen am Lago Atitlan, es ist nicht gerade unangenehm hier…

Ende gut, alles gut!

Ende gut, alles gut!

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Ein paradiesisches Refugium

Mit dem Pickup ging es also weiter bergwärts, genau gesagt nach Monte Mercedes, einer kleinen Ortschaft am Weg Richtung Concepcion, einer anderen kleinen Ortschaft.

Mitten zwischen den Indianerdörfern liegt hier an einem der spektakulärsten Plätze Guatemalas das Zentrum To Om Ra, in dem ich zuletzt für zwei Wochen mit der Gruppe war – siehe dazu Artikel weiter unten. Seit einiger Zeit steht Leuten wie mir, die schon einmal mit einer Gruppe hier waren und mit dem Ort entsprechend vertraut und verbunden sind, die Möglichkeit offen, diesen Ort auch alleine als Refugium zu nutzen. Der Platz ist über viele Jahre nur vier Mal im Jahr für die Gruppen aus Europa geöffnet worden und war ansonsten in der Ruhe. Für Touristen und andere Leute bleiben die Tore hier verschlossen, damit der Platz in seiner Schönheit und Reinheit für seinen eigentlichen Zweck erhalten bleibt. Während Norberts Abwesenheit wird das Grundstück und die Gebäude von Carmen, einer Indianerin, und ihrer Familie gehütet und erhalten.

Um nach den intensiven und auch anstrengenden drei Wochen der Seminarsgruppe ein wenig herunterzukommen und zu reflektieren, habe ich mich für eine Woche hierher ins Zentrum zurückgezogen. Ich bin hier alleine, bewohne mein eigenes Haus, die „Casa Xaman“, und genieße es, jede Menge Zeit zu haben, um das große Grundstück mit all seinen magischen Plätzen, den verschiedenen Räumlichkeiten und der traumhaften Aussicht zu erleben.

Ich denke viel nach, schreibe und lese, meditiere, ritualisiere und lerne Spanisch. Bei letzterem hilft mir der Dorfschullehrer von um die Ecke, Don Salvador. Er ist jeden Vormittag für drei Stunden hier und übt mit mir Espanol. An manchen Tagen ist er der einzige Mensch, mit dem ich Kontakt habe, ansonsten genieße ich die Ruhe und den Frieden hier oben.

Wenn ich in der Früh aufstehe, geh ich als erstes hinaus und gebe mir die Aussicht auf den Lago Atitlan und die vier, dahinter liegenden Vulkane. Tagsüber wird es richtig schön warm, die Sonne ist sehr kräftig. Die Tage vergehen hier trotz aller Ruhe und Beschaulichkeit recht schnell. Am Nachmittag kommen die Nebel daher und es wird ein bisschen kühler und die Dämmerung dauert nicht lange. In der Nacht bläst meistens ein recht starker Wind und rundherum kläffen die Hunde. Zwei Hunde rennen auch hier am Grundstück herum und verteidigen ihr Territorium. Die sind normalerweise, wenn viele Leute hier sind, recht schüchtern, doch mittlerweile kennen sie mich und kommen schon dauernd zum gestreichelt werden daher. Das ganze Grundstück ist wie ein kleines Paradies. Es stehen hier uralte Bäume, überall blüht es in allen Farben, es gibt einen kleinen Teich, Kolibris und viele andere Vögel kann man hier beobachten. Das Zentrum steht auf einem alten Einweihungsplatz der Maya, es ist ein einziger großer Kraftplatz mit vielen Facetten.

Zudem bin ich seit über einem Jahr zum ersten Mal wieder an einem Ort, wo ich wirklich das Gefühl des Wohnens habe. Und was für ein Ort, man könnte sich wirklich daran gewöhnen! Das Essen koche ich mir selber mit viel Muße und wohlschmeckendem Gemüse vom Markt. Hier ist man soweit fernab des normalen Trubels, es ist einfach nur traumhaft. Die Zeit bekommt eine ganz andere Qualität.

In den Tagen, die ich hier verbringe, spüre ich soviel Freude und Dankbarkeit für das große Geschenk, hier sein zu dürfen. Und der Platz dankt es mir auf seine Weise, indem ich hier viel Inspiration bekomme. Jedem, der den Wunsch und die Möglichkeit hat, hierher zu kommen, kann ich das nur empfehlen. Und ich danke Dir, Norbert, dass du diesen Platz, den du so liebst, für mich und andere geöffnet hast. Muchas Gracias!

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der höchste Punkt des Platzes

der höchste Punkt des Platzes

Casa Xaman

Casa Xaman

Quanil

Quanil

Besuch beim Kindergarten ums Eck

Besuch beim Kindergarten ums Eck

und beim Haarschneider war ich auch gleich

und beim Haarschneider war ich auch gleich

Reisen auf guatemaltekisch – ein kleiner Exkurs

Der Gunti ist am 12.11. wieder heimgeflogen. Ich nicht, denn ich hab noch einiges vor hier. Ich bin jedoch auch nicht in Panajachel geblieben, sondern habe den Lago unter mir gelassen und bin ein paarhundert Höhenmeter höher gefahren.

Jetzt, wo ich wieder mit Walter alleine unterwegs bin, schauen auch die Verkehrsmittel plötzlich wieder ein wenig bescheidener aus.

Rauf nach Solola ging´s mit dem Camioneta, das sind die bunten Busse, die von den Ausländern gerne „Chicken Bus“ genannt werden. Ein Begriff, den ich nicht mag, weil er eine Arroganz beinhaltet und überhaupt nicht treffend ist, da ich auf all meinen Fahrten in den Camionetas noch nie ein einziges Hendl gesehen habe, sondern jede Menge Indianer, die einem nett zulächeln. Ein Erlebnis ist so eine Fahrt allemal. Die Vehikel sind ja uralte Schulbusse aus Amerika, die ordentlich aufpoliert, verchromt und motorisiert sind, dass einem hören und sehen vergeht. Auf den steilen Gebirgsstrassen hier im Hochland fetzen die dahin, meistens sieht man nur eine schwarze Rauchwolke und hört einen Lärm, wie er von einem ganzen Panzerbataillon stammen könnte. Die Besatzung eines Busses besteht aus zwei Typen, einem abgebrühten Fahrer und einem noch abgebrühteren Ayudante. Der Fahrer hat die Aufgabe, das Gaspedal möglichst durchzutreten, damit das Rennen mit den anderen Bussen um die am Straßenrand stehenden Passagiere gewonnen wird, schließlich ist jeder Bus ein privates Unternehmen. Es wird in allen Kurven und bei allen Aufwärtspassagen überholt, als ob es keinen Gegenverkehr gäbe…muy peligroso!

Ich bin vor allem immer beeindruckt, wie der Ayudante das ganze Geschäft mit den Passagieren regelt und die Ordnung bewahrt. Die Busse sind normalerweise voll besetzt, das heisst hier: mit ungefähr 60-70 Menschen doppelt überbesetzt. Der Ayudante schreit vor der Abfahrt wie ein Irrer das Fahrziel in die Gegend, bis der Bus voll ist, er trägt das ganze Gepäck auf das Dach und verstaut dieses. Im Businneren drängt er sich dann durch die Leute und kassiert von jedem das entsprechende Fahrtgeld. Er weiß von allen Leuten, wohin sie fahren und was von dem ganzen Müllhaufen am Dach wem gehört. Über Blicke, Pfeifen und Handzeichen wird dem Fahrer klargemacht, was dieser zu tun hat – meistens Gasgeben. Wenn es Stress unter den Leuten gibt, sorgt der Ayudante für Ordnung. Und wenn es im Bus drinnen zu fad oder zu stickig wird, hängt er sich bei voller Fahrt außen an den Bus ran, turnt beim Gepäck auf dem Dach herum, etc. Die Ayudantes sind im Normalfall recht lustige und gesprächige Typen. Die Attribute ihrer im Bus uneingeschränkten Macht sind ein dickes Geldbündel in der Hand, eine große goldene Gürtelschnalle und ein schickes Handy, das gut sichtbar getragen wird. Man erkennt sie aber auch an der großen Klappe, ein Ayudante ist immer auch ein bißl ein Angeber. Mir sind diese Typen höchst sympatisch. Wie oft haben wir uns mit Nane in den äthiopischen Bussen gedacht, dass ein guatemaltekischer Ayudante mit den chaotischen Zuständen dort sofort aufgeräumt hätte.

Von Solola bin ich mit dem Pickup weitergefahren. Der hier so genannte Pikop ist das Gefährt, mit dem die kleinen Dörfer erreicht werden. Das sind meistens uralte Toyotas mit einer durchgerosteten Pritsche auf der ein zaunartiges Gestell montiert ist, das den stehenden Fahrgast auf der Pritsche hält, bzw zum Festhalten dient, wenn man nur noch einen Platz am Trittbrett oder sonst wo in der zweiten Klasse bekommt. Die Pikops sind meistens ziemlich voll, das heißt es stehen ungefähr 25-30 Indianer auf der Pritsche, 4-5 sitzen vorne beim Fahrer in der Kabine und ein paar stellen sich hinten noch auf die Stoßstange. Dort stehe ich am liebsten, da falle ich nicht so auf, wie wenn ich zwischen den Leuten auf der Pritsche stehe, die alle 2 Köpfe kleiner sind als ich. Bei jeder Bodenwelle kratzt irgendein Teil am Asphalt, die alten Karren werden extrem malträtiert. Alles kein Problem, wenn die Fahrt nicht zu lange wird und einem nicht dauernd irgendjemand mit Verdacht auf Schweinegrippe ins Gesicht pfnatscht. Die Einheimischen haben sowieso eine Riesengaude beim Herumfahren…das ist auch höchst ansteckend…

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Camioneta

Camioneta

Walter

Walter

Umsteigen am Hauptplatz in Solola

Umsteigen am Hauptplatz in Solola

aus dem Archiv: Gunti und Pikop

aus dem Archiv: Gunti und Pikop

Aussicht von den billigen rängen

Aussicht von den billigen Rängen

Die Algenblüte am Lago Atitlan

Nachdem sich die Gruppe aufgelöst hat und die meisten Leute wieder Richtung Europa abgereist sind, habe ich noch drei ruhige Tage mit Gunti am Lago Atitlan verbracht. Leider mussten wir dabei feststellen, dass der von uns so geliebte See noch immer total veralgt ist.

Als wir hier vor vier Wochen herkamen, war von den Algen noch nichts zu sehen, eine Woche später war schon fast der ganze See von braunen Schlieren überzogen und die örtliche Bevölkerung total in Aufregung, weil es so etwas noch nie gab. Der See, der normalerweise ganzjährig bei ca. 21° Wassertemperatur zum Baden einlädt, ist plötzlich für Schwimmer gesperrt, weil es zu Hautreizungen und Ausschlag kommt.

Als wir vor ein paar Wochen im Ort Panajachel unterwegs waren, erklärte uns ein kompetent wirkender Herr, dass das Algenwachstum wohl mit einem vulkanischen Ereignis zu tun haben muss, dass unter der Wasseroberfläche stattgefunden hat. Das klang für uns recht plausibel, da wir wussten, dass der nahe gelegene Vulkan Toliman schon seit Jahren unruhig ist. Was wir aber auch wussten, ist, dass der Lago Atitlan am heurigen Welt-Wasser-Forum zum „Bedrohten See des Jahres“ ernannt wurde, damit die Öffentlichkeit auf die Umweltprobleme hier um diesen wunderbaren See aufmerksam wird. Aber wen juckt das schon in einem Land, wo 75% der Bevölkerung in Armut lebt und große Teile davon schauen müssen, wie jeden Tag was zu Essen auf den Tisch kommt? Und gäbe es keinen Tourismus, wäre die Aufregung in Panajachel wohl nur halb so groß.

Mittlerweile haben sich amerikanische Experten um die Sache angenommen und das aktuelle Problem klar dargestellt. Es handelt sich bei den “Algen” um Cyanobakterien, die fälschlicherweise Blaualgen genannt werden. Ursache für das Wachstum ist die hoffnungslose Überdüngung des Sees, die sich über Jahre aufgebaut hat und wohl auch für Jahre Nahrung für die Cyanobakterien darstellen wird. Wundern brauche sich darüber niemand, da die Kläranlage von Panajachel im Jahr 2005 bei einem Hochwasser weggeputzt und nie wieder neu errichtet wurde. Die Abwässer rinnen ungeklärt in den See, dazu kommen noch jede Menge wilder Mülldeponien.

Es bleibt zu hoffen, dass mit dieser Diagnose auch die Dringlichkeit für schützende Maßnahmen für den See deutlich wurde und diese bald ergriffen werden. Am Dienstag sind wir mit dem öffentlichen Motorboot nach Santiago über den See gefahren und mussten dabei erschreckt feststellen, dass das Wasser tatsächlich über die gesamte Fläche des Sees eine braune Brühe ist.

Der Lago Atitlan wäre nicht der erste See dieses Landes, der ökologisch zerstört wird. In diesem Fall ist jedoch zu hoffen, dass wenigstens der Faktor Tourismus die Zuständigen zum Handeln motiviert, denn der Lago ist einer der wichtigsten Anziehungspunkte des Landes.

Übrigens: Für die Weisen der Maya gilt der See nicht nur wie alle Gewässer als ein beseeltes Wesen, sondern darüber hinaus auch als ein energetisches Tor in den Kosmos von weit reichender Bedeutung. Als dieses wird er in Zeremonien geehrt und gereinigt. Und als dieses möge er auch trotz der aktuellen Veralgung sauber bleiben.

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Die veralgte Bucht von Panajachel von oben

Die veralgte Bucht von Panajachelvon oben...

...und aus der Nähe

...und aus der Nähe