Archiv für den Monat: Januar 2009

“Too much baboons” – Im Simien Mountains Nationalpark

Von Axum sind wir mit einem Minibus nach Debark gefahren, die einzige Moeglichkeit diesen langen Weg in einem Tag zu schaffen. Der Weg fuehrt durch die unglaublich zerfurchte Landschaft des noerdlichen Aethiopiens, bergauf-/bergab, ein Graben nach dem anderen wird voll ausgefahren, die Landschaft ist grossartig. Schon Stunden bevor man nach Debark kommt, sieht man faszinierende Felstuerme aufragen, erste Vorboten der Simien-Mountains. Beeindruckend, fast wie die Drei Zinnen in Suedtirol. Nach Debark faehrt man dann ungefaehr 1000 Hoehenmeter ueber eine spektakulaere Strasse, die die Italiener einst gebaut haben, auf ein Hochplateau hinauf. Die Landschaft, die man dabei ueberblickt, ist unglaublich.

In Debark angelangt, hab ich gleich einmal einen ordentlichen Wutanfall bekommen muessen. Fuer den Minibus zahlt man ja ein Vielfaches vom normalen Bus, und die Fahrt war auch komfortabel und gut…ABER: der Idiot von Fahrer hat in der ortsueblichen Unachtsamkeit ueber meinen am Dach liegenden Rucksack ungefaehr einen Lieter Diesel druebergeschuettet, als er aus den daneben gelagerten Kanistern via Gartenschlauch den Treibstoff in den Tank geleitet hat. Nur mein Packsack, der den Rucksack zuverlaessig vor Staub uns Wasser schuetzt, hat verhindert, dass ich meinen ganzen Troedel wegschmeissen haette muessen. Ein bissl was ist durchgesickert, gluecklicherweise genau auf der Seite meines Rucksackes, wo das Zelt draufgeschnallt ist. Der Packsack vom Zelt hat nur ein paar Tropfen auf das Aussenzelt durchgelassen, das war zu verkraften. Dennoch ist mir der Kragen geplatzt, weil diese Arschkriecher mit ihrem Minibus soviel Geld verlangen und das mit ihrem “Service” und ein bissl freundlichem Geschau rechtfertigen, und dann wird mein Gepaeck mit Diesel begossen, was jeder Affe verhindern kann, wenn er ein bissl aufpasst. Die Leute rundherum haben ganz schoen geschaut, wie ein Ferenji meiner Groesse ausrasten kann. Normalerweise verhalten sich die Weissen hier ja so ueberkorrekt vor lauter Schuldgefuehl, dass sie sich auch noch in der Landessprache bedanken wuerden, wenn ein Schwerlaster ueber ihren Rucksack duebelt. Ich aber nicht, weil die Leute hier muessen auch was lernen. Selber diskutieren und streiten sie untereinander ewig lang ueber ein paar Cent herum, aber dass auch Gegenstaende einen Wert haben und man drauf aufpassen muss, das kapieren hier nur die wenigsten. Also hab ich zu meinem vorhandenen Zorn gleich noch was dazugeschauspielert und ordentlich herumgebruellt. Tut ehrlich geagt auch mal gut nach 5 Wochen Reisetheater in diesem Land…

Debark ist Ausgangspunkt fuer den Simien Mountains Nationalpark. Hier findet man nicht nur die hoechsten Berge des Landes (bis ueber 4500 Meter), sondern auch endemische Tierarten und eine der angeblich beeindruckendsten alpinen Landschaften des schwarzen Kontinents. Von Debark aus kann man den NP erwandern, was wir uns auch fuer die naechsten Tage vorgenommen hatten. Speziell freuten wir uns darauf, einmal von den vielen Menschen und staubigen Strassen wegzukommen, in den liebenden Schoss von Mutter Natur.

Haben in Debark gleich Quartier bezogen und sind zur Parkverwaltung marschiert, wo man fuer Aethiopien ungewoehnlicherweise alles, was man fuer den Parkbesuch braucht (Eintritt, Mulis, Fuehrer, Koch, etwaige Ausruestung,etc.), offiziell, prompt und zu fixen Preisen organisieren kann. (Normal ist ja alles inoffiziell, langsam und zu ueberhoehten, verhandelten Preisen, weil die Einheimischen alles aussitzen, wofuer wir keine Zeit haben). Hier haben sogar die Oesterreicher bei der Einrichtung der Parkorganisation mitgeholfen und die lokalen Leute sind echt auf Zack. Nach ungefaehr einer halben Stunde hatten wir unseren Trip geplant und alles Noetige dafuer organisiert und bezahlt, und zwar schon fuer den naechsten Morgen, kein Zeitverlust also.

Ausserdem haben wir ein nettes Paechen getroffen, das auch schon mit uns im Minibus war, meinen Wutanfall wohl nicht mitbekommen hat und so beschlossen hat, mit uns gemeinsam zu trekken. Nina, eine Aerztin aus Deutschland, die demnaechst 3 Monate in Addis arbeiten wird, und Ronald, ein Hollaender, der in Dubai lebt und arbeitet. Wir haben uns gleich gut verstanden und wollten das gleiche Programm absolvieren, und zwar wie folgt: 5 Tage Wanderung von Debark aus, 4mal uebernachten im Zelt und am fuenften Tag am fruehen Nachmittag Rueckkehr nach Debark.

Unsere Koechin fuer die naechsten Tage wurde uns auch gleich vorgestellt und ist mit uns zum Markt gegangen, um das Essen fuer die naechsten Tage einzukaufen. Die Preise waren ein wenig ueberhoeht, hat uns aber nicht so gejuckt.

Am naechsten Tag ging es fast planmaessig um 7:00 los, nachdem wir noch den Parkchef, der uns am Vortag alles vermittelt hatte, aus dem Bett telefonieren mussten. In kuerzester Zeit waren 3 Mulis, 2 Mulitreiber, unser Fuehrer, die Koechin und -ganz wichtig und vorgeschrieben- unser Scout da, ein alter ausgezerrter Hochlandkrieger , der eine Kalaschnikoff umgeschnallt hat. Heisst Fanta, trinkt aber nur das selbstgebreute Bier, was man ueberall zu kaufen kriegt. Aber nichts gegen Fanta , der Kerl war schwer in Ordnung.

Wir marschierten aus dem Dorf raus, hinter uns ein “Fanclub” von Kindern, Dorftrotteln (auf die leicht angeschlagenen Typen wirken wir hier immer wie ein Magnet) und ein paar uebriggebliebener Mulitreiber, die sich darum stritten, wer eigentlich rechtmaessiger Betreuer unserer Mulis waere. Ich hab gleich einmal klar gestellt, dass ich keinen Bock auf dieses Theater habe und einen friedlichen Abmarsch moechte. Die Mulitreiber wurden sich einig, Fanta hat die restlichen Laestlinge vertrieben, und so zogen wir hinaus Richtung Simien Mountains. In Debark war Markttag, und so kamen uns unterwegs viele Bauern mit ihren Guetern entgegen. Anders als z.B. in Kenia hat man hgier die Leute aus dem Nationalpark nie ausgesiedelt – ganz im Gegenteil, es wurden sogar noch mehr seit der Einrichtung des Parks. So leben heute im Park ca. 20000 Menschen in 25 Doerfern und dazwischen. Mit den ganzen Rinder- und Ziegenherden stellen sie natuerlich auch einen erheblichen Stoerfaktor fuer das natuerliche Geschehen dar. Es gibt viel Kulturlandschaft und Aecker im Park, beschraenkt auf bestimmte Gebiete, lediglich gejagt darf nicht mehr werden.

Unterwegs kommen uns die liebsten Kinder und freundlichsten Erwachsenen entgegen, die man sich nur vorstellen koennen. Alle bleiben stehen, gruessen uns, lachen und schuetteln Haende, etc. Eine Begruessung ist ja hier etwas anderes als bei uns daheim, wo man nur “s’gott” murmelt. Da wird gelacht und die Grussformeln “Salam” (Friede) und “Denane” (wie gehts?) ein paarmal hin-und her wiederholt, dazu ordentlich Schultern geklopft. Die Kinder haben immer eine Mordshetz mit uns, und wir mit ihnen. Fotos machen und anschauen, …

Die Menschen hier sind wie ueberall in den Bergen der Welt sehr zaeher Natur. Ausgezerrt, mager, ausdauernd und stark. Die beruehmten aethiopischen Langstreckenlaeufer kommen aus dieser Gegend, und unser Fuehrer Mitiku war ein Paradeexemplar diese Typs. Ein 50 Kilo leichtes Buendel aus Sehnen, Ausdauermuskulatur, einer grossen Lunge und jede Menge roter Blutkoerperchen. Geredet hat er nur, wenn man ihn gefragt hat, das fand ich besonders sympatisch. Dafuer hatte er ein super Auge fuer die Wildtiere, die er 2 km gegen den Wind im Dickicht aufstoeberte, waehrend wir bei der affenartigen Gehgeschwindigkeit den Blick nicht vom Boden liessen, damit es uns nicht auf die Schnauze haute. Ja, wir haben ziemlich Gas gegeben, natuerlich mit Pausen zum Landschaft und Tiere gucken. Die Leute hier haben einen Schritt drauf, daa man kaum mitkommt. Zum Beispiel unser Scout, der Fanta, wenn der vollgetankt war, dann gab es kein Nachkommen, obwoh er 1,5 Koepfe kleiner ist als ich.

Nach nur ca 5 Stunden haben wir am ersten Tag unser erstes Nachtlager erreicht, am Nachmittag hatten wir noch Zeit, die Paviane (engl. Baboons) zu beobachten, die es hier herdenweise gibt. Und zwar hat man es hier mit dem endemischen (d.h. gibt’s nur hier) Gelada (sprich Dschelada)-Baboon zu tun. Ein possierliches, vegetarisches Kerlchen, das den ganzen Tag mit Grasfressen und ein bisschen Herumvoegeln und Rangkaempfen beschaeftigt ist, und in Herden mit tw. 100en Tieren lebt. Die Baboons schlafen nachtsueber in den Hoehlen der Klippen, am Morgen kommen sie heraufgeklettert und dann grasen sie am Hochplateau. Der Gelada hat seinen roten Fleck nicht am Hintern sondern auf der Brust und wird deshalb “Bleeding Heart Baboon” genannt. Die Maennchen haben praechtige Maehnen und eindrucksvolle Zaehne, die beim staendigen Gaehnen zum Vorschein kommen. Dafuer sind sie harmlos und man kann bis auf einen Meter an sie rangehen, was das Beobachten echt lustig macht. Angreifen lassen sie sich aber nicht, obwohl die Maehne sehr verlockend zum Streicheln waere. Die Einheimischen (Menschen) koennen sich den Baboons aber nicht naehern, vor denen hauen sie gleich ab. Die Affen sind naemlich nicht bloed und erinnern sich daran, dass sie die Einheimischen bis vor kurzem noch gerne abgeknallt haben, wenn es Landnutzungskonflikte zwischen Bauern und den Grasbueschel ausgrabenden Baboons gab. Jetzt sind sie geschuetzt und pflanzen sich ordentlich fort. Deshalb auch dauernd der (grammatikalisch falsche) Satz unseres Fuehrers: “Too much baboons!”. Wir haben uns ab den Kerlchen immer wieder neu erfreut…Ausser der Baboons sollten wir in den naechsten Tagen noch den endemischen Steinbock, andere Boecke, riesige Raben, tausende Maeuse und Ratten, Adler, Bussarde und sogar eine Grosskatze sehen, von der alle Einheimischen behaupten, sie sei ein Leopard, alle anderen wissen es aber besser. Wurscht, wir waren die einzigen, die sie gesehen haben, unser Fuehrer auch zum ersten mal, so selten ist sie, und ich hab sie auf meiner Speicherkarte fuer immer gefangen, hehe!

In der ersten Nacht wurde uns bewusst, wie zaeh die Menschen hier sind. Unfairer- und fuer uns auch unangenehmerweise bekommen die Leute, die mit den Touristen gehen, von der Parkverwaltung ueberhaupt keine Ausruestung mit. Waehrend wir in unserem HighTech Zelt und Schlafsaecken fein gemurmelt haben, hat unsser Personal bei -5 Grad im Freien uebernachtet, ohne Schlafsack oder Anorak, nur eine duenne Jacke, einen Schal und eine duenne Ueberdecke aus Viskose. Bis auf den Fuehrer, der von einem Deutschen, den er bis an sein Lebensende loben wird, ein Paar gebrauchte Trekkingschuhe geschenkt bekommen hat (4 mal zu gross), rennen hier alle anderen mit Badesandalen oder Gummistiefeln herum, ohne Socken und teilweise auch nur mehr mit einer halben Sohle etc. – unvorstellbar! Von den Hirtenjungen, die einem begegnen, und die eine Schule nur von Erzaehlungen kennen, haben die meisten gar keine Schuhe an, die Klamotten sind von allen voll zerfetzt und zigmal zusammengeflickt. So arm die Leute hier sind, so freundlich und lustig sind sie auch- schon seltsam, ueberall auf der Welt das selbe! Wir haben grossen Respekt vor diesen Menschen und geniessen die liebevollen Begegnungen. Dennoch ist es peinlich, wie unser Personal friert und nur unsere Essensreste verputzt, weil sie selber nichts mithaben. Wir kaufen ein Buendel Feuerholz, das die Stimmung allseits hebt. Ausser uns ist im ersten Camp nur ein Amy, der alleine unterwegs ist.

Die 5 Tage waren echt genial. Die ersten 3 Tage sind wir entlang des felsigen Steilabfalles des Hochplateaus gewandert, mit genialen Ausblicken auf das ca. 1000 Hoehenmeter unter uns liegende, zerfurchte Land mit einzelnen Felstuermen, durch wechselnde, ausserirdische Vegetation, Maerchenwaelder, vorbei an regenbogenfarbenen Wasserfaellen, Pavianherden, Rundhuettendoerfern, etc. Trotz ca. 9 Stunden Gehzeit taeglich haben wir uns ordentlich entspannt und in vollen Zuegen genossen. Rastpausen haben wir an sehr tollen Aussichtsbergen gemacht, wo ich mich in aller Stille der aussergewoehnlichen Schoenheit und Kraft der afrikanischen Natur hingegeben habe. Wir haben super Fotos gemacht, Fanta ist dabei auch auf den Geschmack gekommen und wollte bald auf jedem Foto mit seiner AK 47 posieren. Konditionell waren wir gut beisammen, die Hoehe von bis zu 4200 Metern hat uns nichts ausgemacht. Nina hat sich ein Pferd gemietet, mit dem sie bei allfaelliger Ueberanstrengung geritten ist, Ronald hat sich tapfer mit uns durchgekaempft. Geschlafen haben unsere 2 Begleiter, mit denen wir auch einen grossen Spass hatten, leider wenig, da das von ihnen bei der Parkverwaltung geliehene Zelt plus Schlafsack eine echte Frechheit war-kaputt und saukalt. Da beide in Afrika aufgewachsen sind, haben sie die Unannehmlichkeiten mit viel Humor genommen und den Rest wie wir genossen. Sehr liebe Leute!

Am fuenften Tag haben wir uns schon wieder auf die Zivilisation gefreut. Wir hatten gesehen, was wir sehen wollten und waren vollauf zufrieden mit dem Trekking. Den Rueckweg nach Debark haben wir in einer historischen Bestzeit von 4,5 Stunden geschafft (Nane und ich sind spaeter aufgebrochen, als das Zelt trocken war, und sind den anderen beiden mit dem Fuehrer zusammen die ersten 1,5 Stunden hinterhergelaufen), ganz schoen anstrengend fuer uns, der Mitiku ist dabei ploetzlich kommunikativ geworden. Unglaublich, was der Mensch aushaelt. Den ganzen Tag ohne Wasser und Essen, Tag fuer Tag draussen und schon die vorweihnachtliche 2monatige Fastenzeit ohne jegliche tierische Nahrung hinter sich. In Debark angekommen, haben wir noch Trinkgelder fuer alle verteilt und sind gleich auf den Bus nach Gondar aufgestiegen, wo wir mehr oder weniger ohne Schwierigkeiten 4 Stunden spaeter am Ende eines unheimlich anstrengenden Tages angekommen sind. Schnell sind wir ins Quartier, fast ueberfordert von der Zivilisation, der wir zwar nur 5 Tage entflohen waren, dennoch mit dem Gefuehl, als waer es viel laenger gewesen, so gefuellt und genaehrt waren wir von der Begegnung mit Mutter Natur.

Die Wanderung durch die Simien Mountains war bei all den anderen Erlebnissen ein echtes Highlight dieses Landes. Ich habe schoene und kostbare Erfahrungen und Einsichten gewonnen, die ich mit viel Dankbarkeit auf die weitere Lebenswanderschaft mitnehme.

Axum und die Bundeslade

Vom “zweiten Jerusalem” Laibela ging es ueber Mekele (siehe auch die Lehre von Mekele) nach “Rom”, wie die orthodoxen Christen gerne Axum nennen. Dies daher, da Axum aus aethiopischer Sicht ebenso bedeutsam ist wie Rom fuer die katholischen Glaeubigen. Geschichtlich war die Stadt eine religioese und weltliche Grossmacht, die ihr Gebiet vom Sudan bis in den Suedjemen auf der arabischen Halbinsel aussdehnte. Leider ist dies nun doch schon viele Jahrhunderte her und der Niedergang und die Zerstoerung der Stadt durch mehrere Anstuerme ist heute noch unuebersehbar.

Das erste Mal machte die legendaere juedische Koenigin Gwudit (Gudit/Judit) im 10 Jahrhundert n.Chr. Axum fast dem Erdboden gleich. Diese Koenigin war so stark und nicht durch Menschenhand stoppbar, dass sie nur ein biblischer Wirbelsturm schlussendlich aufhalten und vernichten konnte. Diese Wirbelstuerme haben wir uebrigens auch schon in Aethiopien erlebt, richtige Sandsaeulen, die zig Meter in den Himmel ragen und hier passenderweise “Dust-Devils” genannt werden.

Nach kurzer Erholungsphase kam die naechste Vernichtungswelle. Der Anfuehrer der muslimischen Bevoelkerung, der Imam Ahmed Grang (“der Linkshaender”) loeschte nochmals das wiederaufgebaute Axum im 16 Jahrhundert und fast alle ihrer christlichen Gebaeude aus. Nur die heilige Bundeslade mit den Zehn Geboten konnte waehrend der Invasion auf eine Insel im Tana-See gerettet werden.

Von diesem letzten Ansturm hat sich Axum anscheinend nie wieder erholt. So wie die Stadt uns darbot, kann man nicht mehr von Glanz reden. Ist nur mehr ein kleiner, wenige Einwohner zaehlender Ort mit staubigen Strassen und halbverfallenen Huetten (von Rom moechte man also nicht mehr sprechen, eher schon von Pompeji nach dem Vulkanausbruch 😉 ).

Was die Stadt aber auf jeden Fall besuchenswert macht, sind ,neben den Einwohnern, die noch erhaltenen Ueberreste des goldenen Scheins grosser Zeiten.

An der Piazza stehen zwei monumentale Stelen, die aus einem graeulichen Stein gefertigt ueber 24m in den Himmel ragen und als Grabsteine fungiert haben sollen. So sind diese Monolithen wie Hochhaeuser mit mehreren Stockwerken aufgebaut und sollen den dort Bergrabenen quasi als Wohnstaette dienen. Eine von den Zweien, die Stele Nr.2 (wurde natuerlich von einer deutschen archiologischen Expedition, welche fuer ihre Nummerieungswut bekannt ist, so genannt) stand einst in Rom auf der Piazza di Porta Capena. Waehrend des faschistischen Regims in Italien wollten die Schwarhemden ihre blutigen Haende nach Aethiopien ausstrecken und das gesamte Land als eine Kolonie einverleiben. Dies funktionierte auch ein paar Jahre und die aethiopische Armee unter der Fuehrung von Haile Selassie I. wurde geschlagen, da anscheinend vor der Schlacht der guenstigste Zeitpunkt durch langes Beten und Kriegsrathalten, verpasst wurde. So kam die Stele Nr.2 nach Rom vor das Kolonialministerium als Zeichen ihrer Ansprueche und in Anlehnung an die schon frueher entwendeten aegyptischen Obeliske.

Doch die Menschheit ist lernfaehig und kann sich doch auch in Frieden und Freundschaft begegnen und so wurde die Stele Anfang 2008(!) in Kisten verpackt und wieder retour nach Aethiopien geschickt. Wiederaufgestellt in voller Groesse im Jahr 2008 konnten wir diese also dann auf ihrer urspruenglichen Stelle bewundern.

Noch eine Besonderheit waere zu erwaehnen, der groesste von Menschen behauende Monolith soll auch hier in Axum sein. Die Stele Nr.1 ist 33.5m hoch (allerdings umgestuerzt und zerbrochen) und somit um 1.5m hoeher als der Obelisk von Karnak in Aegypten.

Gleich neben dem Stelenpark liegt der heiligste Bezirk Aethiopiens. Mit den beiden Kathedralen Maryam Sion (die sogenannte alte und neue Kathedrale) und dem Gebaeude, im welchen die heilige Bundeslade mit den Zehn Geboten Moses aufbewahrt sein soll.

Die neue Kathedrale ist eine klassische Rundkirche und wurde vom letzten Kaiser Haile Selassie I. in Auftrag gegeben. Ungewoehnlich ist, dass die Messebesuchenden nicht vor der Kirche ihren Gottesdienst abhalten, wie sonst ueblich, sondern direkt in der Kirche. Dementsprechend gross sind auch die Ausmasse. In der aelten Kathedrale, die mit schmucken Wandmalereien ausgestattet ist, haben Frauen keinen Zutritt, was ein wenig seltsam anmutet, da die Kirche doch der heiligen Maria geweiht ist.

Aber nicht nur Frauen werden diskrimminiert, auch wir Ferenjis. Als wir uns in Richtung des Bundeslade-Gebaeudes bewegen, hoeren wir beim Ueberschreiten einer unsichtbaren Grenze (etwa 15m vor dem, dem Gebaeude umgebenen gruenen Zaun) ein lautes schrilles Klagen. Ein in Amharisch daherschimpfender und einen Holzknueppel schwenkender sogenannter Aufseher hindert uns mit verzerrtem Gesicht am Weitergehen. Erst durch die Vermittlung eines Passanten erkennen wir, des Amharischen nicht maechtig, dass hier fuer uns Schluss ist. Seltsam, an einem so heiligen und auch touristischen Platz keine Schilder aufzustellen oder einen englischsprachigen Guide den Knueppel schwingen zu lassen.

Die aethiopische Geistlichkeit behauptet ja steif und fest, dass die wahre Bundeslade sich hier befindet. Entwendet soll diese ja von dem Sohne des juedischen Koenig Salomons und der Koenigin von Saba, die den Namen Makeba trug und aus Aethiopien stammte. Dieser wollte zu seiner Mutter in ihr Heimatland und nahm neben Juenglingen aus den besten juedischen Familien auch heimlich die Bundeslade mit. Der Mossad wird es wohl besser wissen und bei unserem Besuch in Israel werden wir dies sicher herausfinden. Ihr werdet die ganze Wahrheit zu den Zehn Geboten erfahren. Bewacht wird die unzugaengliche Bundeslade von einem alten Moench, der sein Amt erst am Sterbebett an den naechsten Sterblichen weitergibt. Vielleicht sollte ich mich darum bewerben, um die beiden Steinplatten endlich zu Gesicht zu bekommen.

Da Axum sonst nicht viel bietet, quatschen wir mit der oertlichen Jugend ueber Liebe und Geschlechtsverkehr (koennen erst heiraten, wenn Geld fuer Eigenheim da ist; erster Geschlechtsverkehr erst in den spaeten Zwanzigern), Touristen (Amis werden als Schnoessel empfunden, die nur ueber sich sprechen), Rastas (es gibt dort einen, der nur mit Mundschutz rumrennt und doch, gegen das Rastatum, ab und an Alkohol trinkt und Fleisch isst), LKW-Fahrer (hat sehr viel Sex, da die mitgenommenen Frauen anscheinend so bezahlen; Chad-Kauen ist obligatorisch bei Fahrten) und vieles mehr. Sehr angenehm und unterhaltsam. Es sind ja doch die Menschen die zaehlen und nicht unbedingt die alten Staetten.

Neujahr in Axum

Am Silvestertag sind wir von Mekele nach Axum gefahren, wieder mit dem oeffentlichen Bus, wieder um 4 Uhr frueh. Wieder Kleinkinder am Nebensitz, denen die Eltern alles an Essen reinstopfen, was da ist. Natuerlich wieder mit dem ueblichen und von uns erwarteten Ergebnis, wieder unvorbereitete Eltern…wir wissen halt besser als die Einheimischen, wie hier das Reisen ist.

Die Fahrt war sonst ruhig, nur die Ankunft in Axum grausam. Zig Leute sind auf uns zugestuermt und wollten was, wir sind gleich abgedampft und haben uns in ein Hotel zurueckgezogen. Schon wieder kein Wasser…

Von Axum erwartet man schon einiges. Die Stadt war Zentrum eines sehr grossen und den Handel zwischen Afrika und Asien dominierenden Reiches, das ueber 1000 Jahre bestanden und eine grosse Kultur hervorgebracht hat, ausserdem das Christentum im heutigen Aethiopien eingefuehrt hat. Das axumitische Reich ist so um 700 n.Chr. untergegangen und uebermaessig viel ist davon nicht mehr zu sehen.  Dennoch sind die Aethiopier mit Recht sehr stolz auf diesen Teil ihrer Geschichte, und fuer organisierte Aethiopienreisen ist Axum ein Pflichtstopp. Der Ort ist aber sehr abgelegen und die Leute kommen mit dem Flieger angereist.

Unser erster Spaziergang war ziemlich ernuechternd. Man erwartet eine Stadt mit einem Mindestmass an touristischer Infrastruktur, in Wirklichkeit ist das heutige Axum ein Kuhdorf mit Schotterstrassen, wo es auf den ersten Blick ueberhaupt nichts zu geben scheint. Eine Hand voll Touristen spaziert verloren herum, dazwischen das uebliche laendliche Geschehen: Ziegenherden laufen durch die “Strassen”, dazwischen wirbeln noch ein paar Ochsen und jede Menge aufgedrehter Kinder ( mehr als 50% der Aethiopier sind unter 16 Jahre alt) zusaetzlich Staub auf, der einem direkt in alle Koerperoeffnungen dringt. Wie imer die Zurufe: “Where are you go?”, “Hello Mister?”, “Money!”, “Pen”, “Candy”, “Ferenji!”, “Hello” usw.

Bei unserem Versuch im einzigen Internetkaffe Verbindung zur Aussenwelt aufzunehmen, ging auch noch der Strom aus, und das sollte fuer den Rest des Silvesterabends so bleiben. Gluecklicherweise waren wir just in der einzigen Bude des Dorfes abgestiegen, die den Abend mit Strom aus dem Aggregat ueberbrueckte (zumindest fuer das “Restaurant”) und so verbrachten wir den Silvesterabend sehr bescheiden bei einem einfachen aethiopischen Fastenmahl. Das aethiopische Neujahr (Millenium) war ja auch schon im September und so hat dieser Silvester-Abend die Einheimischen wenig gejuckt. Fuer uns war es ein sehr schlichter Abend. Nane hat den eher unfeierlichen Auftakt zu seinem Geburtstag gelassen genommen. Ich hab unter der Bettdecke noch ein paar Gedanken zum Jahreswechsel in den Kosmos gedacht.

Am ersten Morgen unseres neuen Kalender- und Nanes Lebensjahres machten wir uns auf Erkundungstour nach den Sehenswuerdigkeiten, von denen es laut Fuehrer ja doch einige geben sollte. Wir wollten uns auf das Wesentliche beschraenken, damit wir Axum bald wieder verlassen koennten…(die gesamte Atmosphaere taugte uns von Beginn nicht so sehr.)

Also gingen wir zuerst zum grossen und beruehmten Stelenfeld. Die Axumiter haben es geschafft, die weltweit groessten monolithischen Stelen (Steinsaeulen) auf bzw. herzustellen. Die groesste davon ist 35 Meter hoch und 520 Tonnen schwer, liegt aber zerbrochen am Boden, wie sie die ersten Erkunder einst aufgefunden haben. Ob sie jemals stand , ist unbekannt. Ich denke aber schon, da die stolzen und eingebildeten Koenige sicher keine Stelentruemmer als Schandmal rumliegen lassen (das ware zumindest meine Einstellung). Daneben gibt es zwei weitere grosse Stelen, beide ca. 25 Meter hoch. Eine wurde von den Ittakern unter Mussolini gefladert und in Rom aufgestellt, als Symbol fuer den mehr oder weniger gelungenen Einmarsch in Afrika, aehnlich wie es die alten Roemer mit dem aegyptischen Obelisken gemacht haben. Im August 2008 haben die Ittaker die Stele nach jahrzehntelangem Theater wieder rausgerueckt, und diese steht jetzt wieder an ihrem urspruenglichen Ort neben ihrer Zwillingsschwester. Oder eigentlich muesste man sagen “Zwillingsbruder”…die Stelen haben schon was phallisches…beeindruckend sind sie jedenfalls, ziemliche Geraete aus schwarzem Gestein, wunderbar behauen, sehen aehnlich aus wie Hochhaeuser, unten ein Eingangstor und darueber zehn Stockwerke. ganz oben war frueher angeblich eine goldene Scheibe mit Sonne und Mond montiert, aber nichts genaues weiss man nicht. Das ganze Gelaende um die Stelen wird derzeit im Rahmen eines ethio-italienischen Projektes gestaltet und wir haben die Stelen nur durch und ueber die Bauzaeune betrachten und fotografieren koennen. Macht aber auch nichts…

Gleich neben den grossen Stelen ist das Gelaende der Kathedrale, dieses besuchten wir am Nachmittag. Wir wussten aus dem Fuehrer , dass sich seit uralten Zeiten Heiligtuemer auf diesem Ort befanden, irgendqwann wurden Kirchen gebaut und zuletzt hat Haile Selassie in den 60ern eine riesige Kathedrale aufstellen lassen, wo sogar die engische Queen zur Eroeffnung gekommen ist. Ausserdem gibt es noch ein aussergewoehnliches Juwel am Gelaende, wenn`s wahr ist: in einem kleinen Gebaeude soll die Bundeslade untergebracht sein, das sagenumwobene, goldene Kistchen, wo die Steintafeln mit den zehn Geboten Moses drin liegen sollen. Die aethiopische Legende besagt, dass die Koenigen von Saba (die laut aethiopischer Version in Axum daheim war) nach Jerusalem ging und dort Koenig Salomon kennengelernt hat. Deren gemeinsamer Sohn Menelik und spaeterer Kaiser in Aethiopien kam als junger Mann nach Jerusalem und entfuehrte die Bundeslade nach Aethiopien, wo sie bis heute sein soll. Seit Generationen ist es aber so, dass nur ein Priester Zugang zur Lade hat und dieser am Totenbett seinen Nachfolger einweiht. Nicht einmal die aethiopischen Kaiser durften die Bundeslade sehen. Man weiss also wieder mal nichts genaues nicht. Tatsache ist, dass Axum ein Zentrum der orthodoxen Glaubensausuebung in Aethiopien ist und viele Pilger diesen Ort aufsuchen. So auch wir, dachten wir..

So war dann unsere/meine Erfahrung dort:
Am Nachmittag sind wir durch den Hintereingang auf das Gelaende gekommen, wo wir direkt bei der alten Kathedrale aus dem 16. JH. landeten und unsere von der gluehenden Hitze mueden Kadaver auf einer Steintreppe niederliessen um mal die Atosphaere aufzunehmen. Ein kleiner, lieber Junge kam zu mir und wir alberten ein wenig herum. Doch damit war der Frieden auch schon vorbei. Ein aggressiver Aufseher verscheuchte das Kind mit seinem Stock und schnauzte uns auf Amharisch an, bis es uns zuviel wurde und wir weitergingen. Der Typ verfolgte uns grantelnd und jagte uns foermlich zur Ticketbox, wo wir zum Kauf eines suendteuren Tickets genoetigt wurden. Ok, dachten wir, jetzt werden wir wohl unsere christliche Ruhe haben duerfen…Denkste! Erst wollte man uns ins Museum treiben, staendig war der irgendwas auf Amharisch schreiende Typ hinter uns her. Ich bin fast ausgeflippt und wollte schon abdampfen, dann sind wir in die grosse Kathedrale “gefluechtet”, wo uns kurz Ruhe vergoennt war. Der Bau ist modern und relativ unattraktiv, innen ungepflegt und schmutzig. Bald wieder draussen sind wir zur “alten Kathedrale”, die der heiligen Jungfrau Maria geweiht ist. Jetzt waren schon 2 Typen hinter uns her, staendig “Hello Mister!” rufend und mit Handzeichen gestikulierend, um uns zu zeigen, wo wir wie hingehen sollten und duerften. Mir ist das voll am Arsch gegangen. Klare Anweisungen kann ich ja gerade noch akzeptieren. Aber wenn mir bei jedem Schritt einer von hinten in einer fremden Sprache irgendwas aggresiv ins Ohr schreit, das halt ich nicht aus. Dann bin ich stehengeblieben und hab den Typen klargemacht, dass ich keinen Schritt mehr mache und sie sich ihr beschissenes Ticket auf den Arsch picken koennen, weil ich nicht mehr weiss, was ich da ueberhaupt machen soll. Irgendwie haben sie kapiert, dass wir auf diese Art nicht weiterkommen und haben uns den Weg zu Marias Heiligtum gewiesen und geoeffnet. Wahnwitziger- oder sagen wir fuer die Aethiopier bezeichnenderweise ist den Frauen der Zugang zu diesem grundlegend weiblichen Tempel verwehrt. Genauso kuehl und leer fuehlt sich die Energie im Inneren des Gebaeudes an…bald waren wir wieder draussen, wo unser Aufseher inzwischen andere Touristen anmotzte. Wir versuchten in Richtung Bundeslade zu marschieren, wo schon einige Glaeubige am Zaun lehnten, der das Gebaeude umgibt. Soweit wollten wir auch vordringen, doch ploetzlich irgendwo auf der Wiese hiess es wieder “Hello Mister! Stop ! Here Border!” Was “Border”, dachten wir, hier nur “Wiese”, nix sehen “Border” oder Hinweisschild oder dergleichen. Keine Diskussion, es hiess wieder stehenbleiben. Mir wurde es jetzt zu bunt mit diesen Typen und ich setzte mich einfach an der “Border” auf die Wiese hin. Schon seltsam, dass man ein irres Geld fuer den Eintritt zahlt, und dann gibt es nichtmal ein Hinweisschild auf Englisch, das einem sagt, wie die Dinge hier laufen. Stattdessen ein paar voll aggressive Typen, die einen auf Amharisch anschreien…unmoeglich!

Wir sind dann abgehauen von diesem unseligen Ort, der meiner Meinung nach von den aggressiven Typen nur entwuerdigt und entweiht wird.

Umso schoener war es, auf dem Platz zwischen Stelen und Kirchengelaende einer Gruppe junger Burschen zu begegnen, mit denen wir noch einige Stunden zusamensassen und herumalberten. Die waren echt nett, so wie wir es von den Aethiopiern gewohnt sind, und umgekehrt freuten sie sich darueber, dass es ein paar Ferenji gibt, die nicht in den Boden schauend an ihnen vorueber zu den Stelen hinlaufen und dann wieder schnell ins Hotel zurueck, um den bettelden Einheiischen nicht ausgesetzt zu sein. Das war das eigentlich Schoene fuer uns in Axum, dass es doch noch eine schoene, menschliche Begegnung auf Herzensebene gab. Wieder entspannt aber dennoch nachdenklich ueber das seltsame und fuer mich auch bezeichnende Geschehen bei den Kirchen gingen wir zum Hotel zurueck, assen wieder die Fastenspeise und gingen ins Bett. Das Busticket fuer den naechsten Morgen, wieder 4 Uhr hatten wir schon in der Tasche, den Rucksack schon wieder gepackt. Ciao Axum! Ziel: der Nationalpark in den Simien-Mountains!

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Lalibela, die Floehe und der Fels

Nach kurzem Aufenthalt in der “Neuen Blume” Aethiopiens, in Addis Ababa, ging es nun endlich in den Norden zu den historischen Plaetzen des Landes, beginnend im sogenannten “zweiten Jerusalem” namens Lalibela.

Voller Vorfreude fuhren wir in die Stadt, die nach dem Heiligen und Koenig Lalibela benannt wurde, da ja auch unser europaeisches Weihnachten anstand. Ein wenig entaeuscht, Warmwasser zum Duschen – war nicht, Strom, um die Nacht zum Tag zu machen – war nicht, feierten wir also bei Lagerfeuer- und Kerzenschein ein zweisames Niederkunftsfest fuer den Heiland. Eh, schoen, wenn man bedenkt, dass die Hinfahrt vom Auswurf des halbverdauten Essens im Bus begleitet war.

Die Kirchen in Lalibela sind die ganzen Strapazen wert. Ins roetliche, weiche Tuffgestein wurden hier die Haeuser fuers Allerheiligste in den Fels getrieben. Monolithische Kirchen also, die vom Dach beginnend und bis zu den Eingangstreppen am unteren Ende von vieler Haende Arbeit aus dem Gestein herausgemeiselt wurden. Es schaut so fantastisch und ja fast irre aus, dass die Legende besagt, dass dies niemals von Menschen alleine bewaeltigt werden konnte. Nein, in der Nacht haben die Engel selbst ihr weisses Gewand abgelegt und so die doppelte Arbeitsleistung im Vergleich mit dem ach so schwachen Menschlein hingelegt. So konnten diese Felskirchen also schlussendlich in all ihrer Groesse dastehen und unserer Bewunderung ausgesetzt werden.

Auch meint man beim Betreten der groesseren freistehenden Kirchen, dass ein Chor von einhundert Millionen Engeln ihr Werk noch immer preist und besingt. Vielleicht ein wenig selbstgfaellig, aber durchaus angebracht.

Verbunden sind die einzelnen Kirchen durch ein System von Tunneln und Schaechten, da sie bis zu 20 m in den Fels eingelassen wurden und man von der Oberkante der Felsmassive nur eben das Dach sehen kann. Mir am besten gefallen, haben die Kirche Bete Maryam der ersten Gruppe, die Kirche Bete Gabriel-Raphael der zweiten Gruppe und die alleinstehende Kirche Bete Gyorgis.

Die Bete Maryam ist durch einen Tunnel erreichbar und es eroeffnet sich beim Heraustreten eine mit drei Eingaengen bestueckte freistehende Felskirche. In den Nischen im umgebenen stehengebliebenen Fels sind winzige Nischen herausgearbeitet worden, in denen Moenche beten, ihre Gedanken zentrieren und ihre Tage verbringen. Frueher blieben die Nischenbewohner bis nach ihrem Tod dort und ihre Gebeine bildeten ein Zeugnis wahren Glaubens fuer die anderen aethiopisch-orthodoxen Christen. Leider haben wir bei unseren Erkundungstouren durch die verwinkelten Gaenge vor einer Nische, die mit einer von Aussen versperrten Holztuer abgeriegelt wurde, ein lautes, fast unanstaendiges Wort fallen lassen. Sogleich hoerten wir aus der finsteren Einsiedelei-Nische ein mahnendes Zischen. Man kann nur hoffen, dass unserswegens nicht das Schweigegeluebte gebrochen wurde. Gott sei gnaedig mit uns armen Suendern.

In der Bete Gabriel-Raphael hatten wir das Glueck, bei einer Messe mitdabeizusein. Die Kirchen sind in Aethipien immer dreigeteilt, wobei der Bereich des Allerheiligsten nur von Priestern betreten werden darf. Die anderen Bereiche sind frei zugaenglich, also auch fuer uns. Zuerst wurden, von in weissen Stoff gehuellten Maennern, alte Kirchenlieder angestimmt, die rythmisch von Trommeln und Sistrum begleitet wurden. Dies ging so eine Stunde oder mehr, bis einer der hohen Geistlichkeit mit dem Weihrauchschwenker die gesamte Kirche duftmaessig reinigte. Dann folgte der Umzug der anderen, in goldbestickten Gewaendern gehuellten, Priestern, wobei diese einen Schirm ueber sich hielten, um den Himmel zu symbolisieren. Die ganze Kirche wurde mehrmals durchschritten, vor dem Eingang zum Allerheiligsten wurde dreimal der Weihrauchbehaelter geschwenkt und alle verbeugten sich erfurchtsvoll zum Klang einer von Engeln gestossenen Posaune.

Bete Gyorgis, nach dem Namensheiligen meines Reisekollegen Joerg benannte Kirche, liegt etwas abseits der anderen Gruppen, ist aber nicht weniger aufregend. Das Dach hat die Form eines gleichseitigen griechischen Kreuzes (Joerg meinte, dies sei ein Maya-Kreuz) und das Gebaeude ist vollstaendig aus dem Fels geloest. Zuerst ist nur dieses Dach erkennbar, steht man aber direkt vor dem ausgeschachteten Felsen, geht es 20 m nach unten bis zum Podest der Kirche. Der, die Kirche bildende, stehengebliebene Felsrest ist mit gelben, im Sonnelicht golden leuchtenden Flechten bewachsen, die mit dem roten Tuffgestein ein herrlich Bild ergeben. Steht man am unteren Ende und blickt gegen Himmel, sieht man nur die Kirche umgeben von einen engen Kranz Himmels, da die Kirche ja vom Fels umgeben ist. Dies wirkt wie ein blauer Heiligenschein fuer ein goldig-rotes Felsenkreuz.

Was von den Endeln aber nicht beachtet wurde, ist die Nachlaessigkeit der Menschen. Die Kirchen sind mit roten Teppichen ausgeleget, die anscheinend nur sehr selten die Kirche zwecks Reinigung verlassen. So war es auch nicht verwunderlich, dass wir noch am Tag des Kirchenbesuches, wie wild zu Kratzen anfingen. Die springlebendigen Floehe, berauscht vom vielen Weihrauch in der Kirche, machten uns auch die Zeit danach noch schwer. Die blutleckenden Biester wurden wir erst in der naechstgroesseren Stadt Mekele los, nachdem unser Gewand einer Generalreinigung unterzogen wurde.

Also Dank den Engeln fuer die Errichtung der Felskirchen und Dank an die Kraft von Seife und warmen Wasser.

Die Lehre von Mekele

Vorab, wir sind vom Trekking gut und zufrieden zurueck. Davor haben wir aber auch noch gute Tage verbracht , diese schreibe ich dieser Tage zusammen.

Von Lalibela sind wir ja hoechst zufrieden abgereist. Mit dem Bus ging es wieder um 4 Uhr frueh los, ich hab mir wieder den Sitz hinter der Windschutzscheibe gesichert. Ziel war Mekele, ungefaehr 500 km und Myriaden von Schlagloechern weiter noerdlich. Bald hat sich noch ein Typ zwischen mich und den Fahrer gedraengt, seinen Hintern am Motor gewaermt und ein fremdes Kind auf den Schoss genommen, wie es hier bei den lieben Menschen ueblich ist. Der Fahrer war erfahren und nicht weniger lustig, hat dauernd einen guten Schmaeh rennen gehabt. Die Strasse war sehr schleissig, und so war ich auf der Hut wegen dem kleinen Buben neben mir. Wie das Amen im Gebet kam das Gewoelle zutage, ich war aber der einzige, der darauf eingestellt war. Die Hose meines Sitznachbarn war voll, auch sein Rucksack. Ich bin gut davongekommen und habe nur gelassen meine  Klopapierrolle zur Bereinigung der Sauerei hergegeben. Das angekotzte Kind wurde wieder seinen Eltern uebergeben und ich konnte friedlich einschlummern. Aufgewacht bin ich dann, weil sich ein weiterer Kerl in unsere Reihe gedraengt hat und richtig auf mir drauflag, zusammen mit der Abwaerme des Motors ergab das ungefaehr 15 Grad zuviel und eine echte Beklemmung fuer die restliche Fahrt.

Irgendwann gegen Mittag kamen wir in Woldia an. Von dort geht eigentlich am selben Tag kein Bus weiter nach Mekele, das noch 300 km weiter ist. Woldia ist aber grauslich und so haben wir mit Hilfe der oertlichen Hustler eine Mitfahrgelegenheit gecheckt. Mit 2 raeudigen, chatkauenden Typen, die den bequem von Stadt zu Stadt fliegenden Touristen mit dem leeren Landcruiser nachfahren, ging die Reise weiter. Die Typen wurden mit der Zeit netter, platte Reifen wurden gewechselt, die Landschaft war wieder mal einzigartig , und nach weiteren 8 Stunden kamen wir bei voelliger Dunkelheit in Mekele an. Wieder mal 16 Stunden “on the road”, und auf was fuer einer Road…schon irre, wenn man bedenkt , wie bequem man daheim bezueglich Rumfahren ist und sich an den kurzen Wochenenden sogar oft vor einer dreistuendigen Autofahrt von Wien nach Kaernten scheut, obwohl daheim die Waerme des Elternhaues und kulinarische Koestlichkeiten locken, im Auto die Wunschmusik laeuft und die Strassen perfekt sind…hm, auch das mag sich durch diese Reise aendern…

Jedenfalls kamen wir in Mekele an. Eine auffallend moderne Stadt mit ca 150000 Einwohnern, Geburtsstadt des Praesidenten und angeblich deshalb privilegiert. Hauptstadt der Provinz Tigray, die beruehmt ist fuer tolle Landschaften und 100e Felsenkirchen und leider auch am meisten betroffen von den grossen Hungerkatastrofen war. Die Felsenkirchen wollten wir besuchen, auch wenn unser Zeitplan knapp werden wuerde. Erstmals gingen wir aber muede und dreckig schlafen, weil es wieder mal kein Wasser gab.

Am naechsten Tag machten wir uns auf die Suche nach einer Moeglichkeitzum Besuch der Felsenkirchen, die ein wahres Highlight und sehr sehenswert sein muessen. Aus dem Fuehrer wussten wir, dass man dazu einen Jeep mieten muesste und einen Fuehrer braeuchte, damit an einem Tag etwa 3-4 der hunderten oft spektakulaer gelegenen Kirchen besucht werden koennten. Es gibt aber wenig Touristen, die das machen und in Mekele halt machen. Wir trafen auch keine “Ferenjis” als moegliche Mitfahrer. Ausserdem scheint es den Menschen in Mekele relativ gut zu gehen, man wird nicht angebettelt oder gefragt, was man tun wollte. Das ist einerseits erholsam und angenehm, andererseits gibt es aber auch keine Touranbieter oder Reiebueros, die einem weiterhelfen, und die Abwesenheit der sonst im Land ueberall allgegenwaertigen Hustler (Typen, die einen anquatschen und alles vermitteln koennen, was das Herz , der Magen und alle anderen Koerperregionen begehren) macht sich bemerkbar, indem man irgendwann nicht mehr weiss, wen man um Rat fragen koennte. Nach einem Tag Rennerei und Fragerei sind wir dann bei der lokalen Tourismusbehoerde, die irgendwo versteckt ist, gelandet. Die Leute dort waren sehr hilfs- oder sagen wir auskunftsbereit, haben uns einen kleinen Fuehrer geschenkt und gesagt, wie wir zu den Kirchen kommen koennen. Das war aber wahrlich schwierig. Erst muesste man mit dem Bus in ein Kaff fahren, dann das dortige Buero aufsuchen, einen Fuehrer und Jeep mieten, und dann braeuchte man 2 Tage Zeit und einiges an Knete. Einer der naechsten Tage war aber unguenstig, weil da die Moenche zum Markt gehen und die Kirchen nicht aufsperren koennen. Und nach all dem muss man wieder einen Tag einplanen, um nach Mekele zurueckzukommen. Es sei denn, man mietet von Mekele aus einen Jeep, was aber astronomisch teuer ist. Nachdem wir diese Moeglichkeit und unseren Zeitplan fuer die naechsten Wochen gecheckt haben, fanden wir uns in komplexen Planungen und Gedankengaengen verloren in unserem Hotel wieder, fast verrueckt um eine Moeglichkeit zum Besuch der Kirchen ringend.

Irgendwann nach langem Kampf und knapp vor dem Durchdrehen und der Erschoepfung kam sie uns dann, die wichtige Lehre von Mekele…

Raus aus dem Aktionismus und der verrueckten Idee, die einem die Reisefuehrer einpflanzen, dass man alles gesehen haben muss, damit man ueberhaupt sagen kann, man war in Aethiopien. Wen jucken denn ein paar Kirchen…auch wenn sie noch so spektakulaer sind, sollten wir uns deshalb nicht verrueckt machen, wenn der Besuch sich einfach nicht ergeben will. Wir streckten die Waffen, ergaben uns und verabschiedeten uns von dem etwas erzwingen Wollen. Das Signal war klar und ist angekommen. Es ist zwar gut fuer Dinge zu kaempfen, aber es gibt auch ein zuviel, diese gilt es zu erkennen, da es im Persoenlichen aber auch im Grossen oft zu nichts Gutem fuehrt. Wahrlich erloest von unserer fixen Idee lenten wir uns zurueck und gelobten, die Dinge ab sofort lockerer zu nehmen, um im Laufe unserer Reise nicht durchzudrehen und dem unter Reisenden so ueblichen Aktionismus zu verfallen. Schliesslich sind wir monatelang unterwegs und muessen mit unserer Kraft haushalten. Und wir wissen und vertrauen auch darauf, dass wir noch immer zur richtigen Zeit an den richtigen Ort gefuehrt wurden und werden. Die wichtigen Erfahrungen und Begegnungen ergeben sich auch nur selten vor der spektakulaersten Kulisse, das wissen wir auch. Nur muss man es halt auch so leben. In der Ruhe liegt die Kraft. Das Gefuehl, irgendwas versaeumen zu koennen, war weg und damit kam wieder die Freude ueber alles, was wir ja schon erfahren durften.

Freudig ueber unsere Erkenntnis und ganz entspannt gingen wir was Gutes essen, begegneten den Menschen und beschlossen, noch einen Tag in Mekele zu entspannen, bevor die Reise nach Axum weitergehen sollte. Ein weiteres Highlight von Aethiopien, das am Weg durch den Norden liegt und leicht zu erreichen ist.

Der naechte Tag war sehr angenehm. Wir entspannten, gingen lange Kaffee trinken etc. Ausserdem liessen wir die Waesche waschen, in der Hoffnung, das etwaige darin festgekrallte Floehe im Seifenwasser ersaufen wuerden. Noch ein Ticket fuer die bevorstehende eintaegige Busreise gekauft und dann frueh schlafen gegangen…sehr zufrieden und dankbar fuer das Geschenk der Lehre von Mekele. In Bolivien vor 3 Monaten musste ich ja noch krank werden, um die Ruhe zuzulassen, hier ging es einfacher vonstatten. Gut so!

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